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Sonntag, 10. November 2013

Was ist eigentlich aus der Krise geworden?

Kaum sind ein paar Monate vergangen, schon ist von der europäischen Schuldenkrise, den wahlweise griechischen, portugiesischen, spanischen oder irischen Staatsfinanzen oder auch dem Euro-Rettungsschirm kaum noch etwas zu hören oder zu sehen. Konnte man im Dezember 2011 keine Zeitung aufschlagen, ohne mindestens fünf Artikel zu lesen, in denen über den baldigen Untergang des Euros, der EU als ganzem oder der Abspaltung mindestens aller südeuropäischen Länder oder deren Rauswurf aus dem Euroraum geschrieben wurde, so scheint es nun, dass sich erstens die Lage entweder beruhigt hat, zweitens die Krise zur Normalität geworden oder alternativ drittens so hoffnungslos geworden ist, dass keiner mehr darüber schreiben und sprechen will. Das Dritte kann man sich in der kritik- und untergangsfreudigen deutschen Öffentlichkeit kaum vorstellen, und auch das Zweite scheint angesichts der Dimension des Themas nicht wirklich möglich.

Bleibt irgendwie nur die erste Option: die Lage hat sich beruhigt. Die Krise scheint wirklich kein großes Thema mehr zu sein - zumindest in Deutschland nicht. Und das wirft zum einen einen bezeichnenden Blick auf die Art und Weise, wie die Deutschen im Allgemeinen und die deutschen Medien im Besonderen mit Krisen und Themen umgehen. Die folgenden Beobachtungen dürften interessant sein:
  • Zu Beginn der Krise in 2008 hat sich kein Medium und kein Journalist ernsthaft für die problematische Finanzakrobatik interessiert, der sich die Hochfinanz, die politisch beherrschten Landesbanken, die Kommunen und Hauseigentümer weltweit hingegeben haben. Exzessive Verschuldung wurde gern in Kauf genommen, wenn es darum ging, Klientelpolitik betreiben zu können. Er als die Probleme ihren Höhepunkt mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erreichten, schreckten plötzlich alle gleichzeitig auf und schrieben alle im selben lamentierenden Ton über dieselben Themen und es wurde sich in Untergangs- und Katastrophenszenarien gesuhlt. Keine Option schien dabei drastisch genug sein und kein Drama lagt zu fern, als das es nicht ausgiebig zelebriert worden wäre: Euro-Austritt, Euro-Zusammenbruch, Rückkehr zu Mark, Weltweiter Zusammenbruch des Kapitalismus. Und jetzt, kurze Zeit und mit nicht besonders anderen Fundamentaldaten als 2009 später dürfte der Sturm eigentlich immer noch nicht vorbei sein und es redet trotzdem kaum einer über das baldige Ende des Euroraumes oder darüber, dass Deutschland ob seiner Rettungsschirm-Verpflichtungen bald in den Ruin getrieben würde. Stattdessen haben sich die Finanzmärkte stark beruhigt: die Zinsen für irische, italienische und spanische Staatsanleihen, letztlich alle europäischen Staatsanleihen sind gegenüber dem Höhepunkt im vierten Quartal 2012 wieder deutlich zurückgegangen, die so gefürchteten Credit Default Swaps sind in einem höchst überschaubarem Rahmen fällig geworden und haben keine einzige weitere Finanzinstitution in den Ruin getrieben. 
  • Der Euro hat die Krise der Staatsschulden gut weggesteckt und ist gegenüber dem Dollar fast wieder auf historischen Höchstständen - angesichts der Herausforderung, die das gerade für die exportfreudige deutsche Wirtschaft darstellt, sollte das eigentlich bereits ein Anlass für die Medien und Analysten sein, die nächste Katastrophe, die nächste epochale Krise herbeizuschreiben. Man erinnere sich vielleicht daran, wie vor rund 10 Jahren bei einem Kurs von 1,30 Euro das großen Heulen begann. Heute liegt der Kurs bei 1,34, der Export brummt und niemanden interessiert es besonders. Da kommt man ins Grübeln. Und muss man sich klarmachen, dass für die deutsche Wirtschaft der Euro selbst der einzig relevante Anker ist, der verhindert, dass der Wechselkurs "Deutsche Wirtschaft und somit Deutsche Mark" zu "Dollar" in ganz andere Höhen als 1 Euro für 1,34 Dollar steigt. Würden wir zur Mark zurückkehren, würde der Wechselkurs mit hoher Wahrscheinlichkeit weit über 1,50 Dollar pro Mark steigen - einfach weil Deutschland in Europa als fast der einzige finanzwirtschaftlich sichere Hafen angesehen wird. Die Devisen würden nur so zu uns strömen und den Wechselkurs in die Höhe treiben. Die deutsche Exportwirtschaft würde - zur Freude aller anderen - abgewürgt. Der Euro befeuert unsere Wirtschaft wie kaum ein anderes Instrument - was kaum einer infrage stellt. In den meisten Medien kommt das jedoch nicht besonders gut rüber, weil sie volkswirtschaftlich eher stümperhaft gebildet sind. Stattdessen wird pauschal auf dem Kapitalismus herumgehackt, als ob er gescheitert wäre. Angesichts der schlichten Tatsache, dass der Kapitalismus sich einfach einer weiteren Erneuerung unterzieht - bspw. hin vom deregulierten, entstaatlichten zu einem globalen, supranationial kontrollierten - ist es eine Schande, das hierüber so wenig gesprochen wird. 
  • Medien und selbsternannte Finanzanalysten, die gegen den Euro wettern (oder spekulieren) haben in dieser Krise keine gute Figur gemacht. Weder konnten sie sie in einem ausreichenden Maße prognostizieren, noch haben sie dann auf ihrem Höhepunkt mit ihren Untergangsprophezeihungen Recht behalten. Der Euro ist so stabil wie eh und je, die Inflation ist auf historisch niedrige Werte gesunken (wie die Euro-Inflation insgesamt im Durchschnitt seit jeher unter der der Deutschen Mark liegt, ein lustiger Fun-Fact für all die Paranoiden, die ihr Geld jüngst in Gold umgeschichtet und damit ordentliche Wertverluste erlitten haben).
  • Von einem Euro-Austritt Griechenlands, Portugals oder Spaniens spricht kein Mensch mehr, statt dessen treten weitere Länder der Eurozone bei - und man ärgert sich bei Auslandsbesuchen außerhalb der Eurozone zunehmend über die Umtauscherei. Kaum verwunderlich angesichts der Tatsache, das von 500 Millionen EU-Bürgern bereits 330 Millionen den Euro verwenden und die Einsiedler wie Briten oder Dänen immer stärker an den Rand gedrängt werden. Die aktuellen Entwicklungen des Dollarraums mit zunehmender Zahlungsunsicherheit der USA und der stärker werdenden Reformunfähigkeit der Vereinigten Staaten lassen den Euro zusätzlich erneut in einem günstigeren Licht erscheinen. 
Man kann also mit Fug und Recht fragen: was ist eigentlich aus der Krise geworden?

Samstag, 17. August 2013

Das ist keine Eurokrise

Seit bald vier Jahren wabert und wogt die Finanz- und Schuldenkrise über den Globus. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, die sich in ihren Finanzprodukten verheddert hatte, hat sie zum Ausbruch gebracht, aber ihre Ursachen und Wurzeln liegen natürlich tiefer. Und zwar im grundsätzlichen Vertrauensverlust hinsichtlich der Problemlosigkeit bei der exzessiven, dauerhaften Verschuldung, in die sich die meisten hochentwickelten Staaten der Welt begeben haben.

Trotz des papageienhaften Geplapperes der ökonomisch schlecht gebildeten Medien und der ebenso verständnislosen Kommentatoren aus alle gesellschaftlichen Gruppen, ist diese Krise immer noch keine Eurokrise. Es steht nicht schlecht um den Euro, der seit seinem Start im Jahr 1998 um mehr als ein Drittel an Wert gegenüber der Dollar gewonnen hat und heute eine wertstabilere Währung ist, als es die Deutsche Mark jemals war. Die in der letzten Dekade durchschnittliche Inflation des Euros von rund 2% ist für den Normalbürger zu vernachlässigen und die EZB macht einen ausgezeichneten Job in der Verteidigung der Wertstabilität der Währung.

Was uns zurzeit beschäftigt, ist die schlichte Tatsache, dass es für viele Länder teurer geworden ist, Schulden aufzunehmen. Jetzt darf man sich zu recht die Frage stellen: was hat das mit dem Euro zu tun? Die Antwort lautet: so gut wie nichts. Nach wie vor handelt es sich bei der Krise um eine der Staatsfinanzierung und wir sollten sie als eine heilsame Lehre begreifen und die notwendigen Konsequenzen ziehen. Die wichtigste Lehre ist, dass die Staaten endlich verstehen müssen, das Politik nicht über Jahrzehnte durch immer neue Verschuldung betrieben werden kann. Denn wovor zurückhaltendere politische Kräfte immer wieder gewarnt haben, ist jetzt eingetroffen: die privaten Finanzakteure verweigern es zunehmend, Staaten immer neue und immer höhere Kredite zu geben, damit diese Akteure ihre politischen Programme auf Kredit finanzieren können. Und das ist gut so. Denn die Geschichte lehrt vor allem eines: Regierungen nehmen zwar in wirtschaftlich schlechten Zeiten gerne Kredite auf, um damit die Nachfrage zu stimulieren, sie zahlen diese aber in guten Zeiten nicht zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein entscheidender ist bspw., das es sich häufig um unterschiedliche Regierungen handelt und sich eine Regierung nicht notwendigerweise an die Aussagen ihrer Vorgänger gebunden fühlt. D.h. die erste Regierung nimmt zwar in schlechten Zeiten Schulden auf, die nächste Regierung setzt in den besseren Zeiten aber lieber ihre Wahlprogramme um, die ebenfalls Geld kosten. Was die Vertreter der keynesianischen Wirtschaftspolitik niemals wirklich akzeptiert haben, ist ebendiese Tatsache: Regierungen wollen Geld ausgeben. Sie wollen nicht sparen. Wenn Haushaltsüberschüsse erzielt werden, wollen sie diese für politische Programme einsetzen, nicht für die Schuldentilgung. Deswegen ist es ist immer ein Wunschtraum geblieben, man könne die Schulden der schlechten Zeiten mit den Überschüssen der guten tilgen. 

Eine weitere wichtige Lehre ist, das auch Wähler sich keinesfalls für Schuldentilgung interessieren. Natürlich gibt man in Umfragen gerne an, das man ja dafür wäre, dass die Staatsschulden reduziert bzw. die Staatsausgaben auf das Nötige beschränkt werden. Geht es dann aber an konkrete Sparmaßnahmen, hört die Leidenschaft zur Schuldenreduktion rasch auf. Nirgends darf gespart werden, keine mit finanzieller Unterstützung verbundene Aufgabe vom Staat in die Privatheit zurückgegeben werden, jede Förderung der Öffentlichen Hand ist immer notwendig und unabdingbar. Jede Lobby- und Interessengruppe von den großen Industrieverbänden über NGOs hin zu den kleinen Vereinen und Organisationen vor Ort hat immer gute Gründe für exakt ihre eigenen Anliegen, an denen keinesfalls gespart werden darf. Und weil Politiker wiedergewählt werden wollen und müssen, geben sie diesen Anliegen nach. Weder Politiker noch die sie stets gern kritisierenden Bürger befinden sich hier in der Position, irgendwem Vorwürfe zu machen außer sich selbst. 

Im Endeffekt bleibt: Staatsschulden werden gern gemacht und ungern getilgt. Daher ist die Krise der Staatsschuldenfinanzierung heilsam, denn sie zwingt die europäischen Regierungen dazu, ihre Budgets zu verkleinern und sich weniger auf Pump zu leisten. Der Euro leistet dazu seinen wertvollen Beitrag, indem er die Staaten der Eurozone der Möglichkeit beraubt, ihre hausgemachten Probleme durch Anwerfen der Notenpresse und somit durch Weginflationieren zu beseitigen. Die kommende Generation wird es dieser Krise danken, denn sie wird dadurch von weniger Schulden geplagt werden, die so freigiebig und frech durch die verantwortungslose heutige Generation aufgenommen werden. Da kann man sich nur ein weiteres Andauern wünschen. 

Montag, 1. Juli 2013

Das Geschäft mit der Krise

Seit rund vier Jahren dröhnt "die Krise" durch die nationale und internationale Medienlandschaft, Talkshows und politischen Entscheidungsgremien: ob es dabei um "die" Finanzkrise, Schuldenkrise oder Eurokrise geht, ständig wabert das Thema in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit umher. Die in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen häufig eher schlecht ausgebildeten Redaktionen in deutschen Tages- und Wochenzeitungen gehen mit dem ganzen Themenkomplex hauptsächlich unglücklich um. Hätte man den Schlagzeilen aus 2009 und 2010 Glauben geschenkt, wären wir europaweit in 2012 längst in Chaos, Elend und Anarchie versunken. Nur wenig davon ist passiert und sieht man einmal von den unglückseligen Ländern Spanien, Portugal und Griechenland ab, geht es den Menschen in der EU auch 2012 noch recht gut. Der Kontinent lebt nachwie vorund es geht uns heute besser als vor 10 Jahren und damals besser als vor 20 Jahren. Wieder einmal kann man feststellen: die mediale Hysterie dient eher der Auflage denn der Aufklärung.
Schlimmer als das mediale Lärmen sind jedoch die Marktschreier der Verschwörungs- und Untergangstheorien: seit dem Start der europäischen Gemeinschaftswährung haben sie stetig und vielfach beschworen, dass der Euro Deutschland Untergang wäre, das wir uns in Knechtschaft der Brüsseler Bürokratie, der EZB, der Südländer oder wahlweise der Illuminaten begeben würden, dass die deutsche Wirtschaft implodieren, die Inflation steigen und unser Reichtum verschwinden würde. Aber auch gar nichts davon ist passiert: der Euro hat Deutschlands Rolle als Exportnation gestärkt, weil wir in alle Euroländer ohne Umtauschrisiken exportieren können. Die reine Größe des Euroraumes deckt gut 50% unserer Exporte ab und wenn die nächsten Jahre eine Abnahme dieses Wertes sehen, dann nur deshalb, weil die Märkte China, Indien, Südamerika und ähnliche aufgrund ihres Wachstums für uns an Bedeutung gewinnen werden. Der Euro hat auch das Reisen in alle Euroländern vereinfacht und ermöglicht den reiselustigen Deutschen viel einfacheres Preisvergleichen als früher. Es kommt einem bisweilen schon merkwürdig vor, wenn man bspw. in Tschechien mit Kronen statt Euro bezahlen muss und man fragt sich dann unwillkürlich: "Was soll das denn?"
Dabei muss man immer wieder feststellen: ob eine Währung Euro, Mark, Gulden oder Taler heißt ist vollkommen unwichtig. Relevant ist immer nur, dass die Zentralbank eines Landes die klare Aussage trifft: "Diese Währung ist unser einziges relevantes Tauschmittel und es wird in einem Jahr in etwa denselben Wert haben wie heute." Dieses Versprechen erfüllt der Euro in größerem Maße als die Deutsche Mark. Seine durchschnittliche Inflation seit seiner Einführung 1999 liegt bis heute unterhalb der der Deutschen Mark. Das heißt: der Euro ist wertstabiler als die Deutsche Mark. Und das ist alles, was wirklich  zählt.
Daher der Apell: glaubt nicht den Lautsprechern mit ihrem lauten Krisengeschrei. Um es einfach auszudrücken: sie lügen. Ihr hauptsächliches Interesse ist nicht, bessere Wege der Finanzpolitik aufzuzeigen, sondern sie wollen mit der Krise lediglich Geld an ihren Büchern und Vortragsreisen verdienen (lustigerweise natürlich in Euro). Glaubt nicht der Bild-Zeitung, die den Untergang herbeischreibt, denn vor allem sie verdient an Untergangsprognosen prächtiger als an einer ausgewogenen Berichterstattung. Glaubt nicht den Thilo Sarrazins oder Hans-Werner Sinns der Debatte, die sich lediglich als "Widerständler gegen die Euro-Verschwörungen" dieser Welt promoten und damit die Auftragslage ihrer Forschungsinstitute oder ihre Teilnahme an Talkshows befeuern wollen. Glaubt nicht den Medien, die ständig und pausenlos die Krise hochputschen, um durch geschicktes Agendasetting lediglich an schlechten Nachrichten zu verdienen. Denn vor allem die Medien machen aus der Finanz- und Schuldenkrise der Staaten ein großes Spektakel. Und hier wird gerade die Euroskepsis der Deutschen fröhlich bedient und benutzt, um damit Schlagzeilen und somit Kasse zu machen.
Und glaubt vor allem nicht den Verschwörungsschwätzern, deren Theorien sich in den letzten 20 Jahren immer als falsch erwiesen haben. Die Welt ist die letzten 65 Millionen Jahre nicht untergegangen und sie wird es bis zum nächsten globalen Meteoreinschlag nicht tun. Weder die Bundesrepublik noch die Europäische Union sind auf Abwegen, solange ihre Bürger den Glauben an ein Weiterkommen nicht verlieren. Glaubt stattdessen an euch selbst und vertraut eurem Bauchgefühl. Fragt euch: wie geht es euch persönlich heute? Wie geht es euren Freunden? Wie geht es eurem Umfeld? Geht es euch heute schlechter als vor 10 Jahren und falls ja, lag das am Euro, der Politik, der Krise? Oder lag es an euch selbst und euren persönlichen falschen Entscheidungen? Oder geht es euch heute besser? Und falls ja, woran lag es dann?
Wichtig ist: Politik, Währung, Finanzkrise, Wirtschaftspolitik und so weiter haben einen viel geringeren Einfluss auf das persönliche, alltäglich Leben als häufig behauptet wird. Sie sind auf lange Sicht wichtig, weil sie Rahmenbedingungen unseres zivilisatorischen Miteinanders determinieren, aber nicht unser Leben.  Der Euro hat sich bislang gut bewährt, das zeigt sich seit 13 Jahren. Die Bundesrepublik bewährt sich seit mehr als 65 Jahren. Die Krisenschreier und  Apokalypsenpropheten haben sich nicht bewährt, das zeigt sich seit 10.000 Jahren und auch in den letzten 20 Jahren.

Donnerstag, 21. März 2013

Lasst Zypern doch pleite gehen

Warum sollte Zypern nicht in die Insolvenz gehen? Das ist völlig in Ordnung. Das Land ist politisch und gesellschaftlich nicht willens, zur Lösung der selbstverursachten Misere beizutragen. Nach wie vor gilt auch in dieser Situation der wiederaufgeflackerten, wabernden Finanzkrise: nicht der Euro ist das Problem, sondern die zu hohe Kreditwürdigkeit, die Zypern durch die Euro-Aufnahme erhalten hat im Verein mit einer mehr als laxen, im Prinzip verantwortungslosen Bankenregulierung, die das Land zum Steuerparadies reicher Ausländer hat werden lassen. Das ins Land gespülte Geld wurde ebenso verantwortungslos angelegt und hat für einen zwar schnell wachsenden, aber eben nicht nachhaltigen Reichtum gesorgt. Die Schuldenkrise hat die Probleme nun schonungslos offengelegt. Gut so.

Denn wenn ein Land durch seine politische Steuerung in eine Lage gerät, in der kein Kapitalanleger diesem mehr zu erträglichen Konditionen Geld leihen möchte und sich gleichzeitig jedem Lösungsvorschlag und jeder notgedrungen strengen Hilfe von aussen verweigert, dann muss das Land eben die Konsequenzen ziehen bzw. mit ihnen leben. Dass das zyprische Parlament und die Regierung in der Vergangenheit wie heute die eigene Verhandlungsposition so massiv fehleinschätzen (oder sie eben Vabanque spielen) darf nicht dazu führen, dass man sich davon erpressen lassen muss. Immerhin ist das Geld des Rettungsschirms im Falle eines Ausfalles eben doch das Geld aller europäischen Steuerzahler. 

Und es ist - ehrlich gesagt - auch keine große Sache, wenn die beiden infrage kommenden zyprischen Banken insolvent werden. Zypern ist mangels Größe eben NICHT systemrelevant für das europäische Wirtschaftssystem und kann auch problemlos aus dem Euroraum austreten, sofern das notwendig sein sollte. Die zyprische Wirtschaft ist für den Euroraum irrelevant und sie kann auch ohne den Euro ein Teil des EWR sein und somit am gemeinsamen Binnenmarkt teilnehmen. Die wirtschaftsunkundige Presse hat das nur leider nicht verstanden. Auch nicht, dass der Einlagensicherungsfonds für alle Vermögen bis 100.000 Euro greift und zwar egal, was ein Parlament beschliesst. Darüber hinaus ist das Geld dann allerdings für alle so weit anteilig weg, wie die Gläubiger eben befriedigt werden können. Vermutlich werden sich dann viele wünschen, sie hätten die vergleichsweise harmlose und gar nicht so ungerechte 10%-Abgabe nicht so vehement abgelehnt. Denn bald werden es eben 50% oder noch mehr weg sein. Das hat man nun davon, wenn man nichts, aber auch gar nichts zu einem darbenden, vor dem Konkurs stehenden Gemeinwesen beisteuern will und sich stattdessen in die Opferpose wirft. Denn es darf die Frage gestellt werden: wenn der eigene Staat bankrott zu gehen droht, warum sollte dann nicht jeder Bürger dieses Staates einen vergleichsweise übersichtlichen Teil beitragen, um diesen abzuwenden? Den ausgehandelten Kompromiss vom letzten Wochenende anzunehmen hätte einen kleinen, schmerzhaften Schnitt für alle bedeutet und die Wunde wäre rasch verheilt. Jetzt kommen eben die großen, schmerzhaften Schnitte, deren Wunden lange nicht verheilen werden. 

Zypern wird auf mehrere Jahre hinaus auf dem freien Kapitalmarkt kaum Schulden aufnehmen oder Kapital einwerben können - was langfristig gesehen ebenfalls eine gute Sache ist, denn es war die ungehemmte Schuldenaufnahme, die das kleine, wirtschaftlich unbedeutende und kraftlose Land nun nicht bedienen kann. Kurzfristig wird es jedoch sehr wehtun. Und allerdings als Privatanleger der Ansicht war, sein Geld wäre in einem Land mit schlechter politischer Führung und einer ebenso schlechten Bankenregulierung gut aufhoben, der hat nunmal den Preis für seine Fehleinschätzung zu bezahlen. Das nennt man Marktwirtschaft und es sollte ganz normal sein, das man für schlechtes Handeln keine Dividende zu erwarten hat.

Update am 22.03.2012: hier ein interessanter Artikel zum Thema

Donnerstag, 16. August 2012

Steigt Griechenland eben aus dem Euro aus - so what?

Der griechische Staat kollabiert recht langsam, jeden Tag ein bisschen. Wird man in einigen Jahren zurückblicken, so wird man kein Datum eines "Zusammenbruchs" festlegen können, sondern man wird feststellen, dass Griechenland einfach von Monat zu Monat ein Stück mehr dahingesiecht ist und erst nach dem Austritt aus der Eurozone wieder zu Kräften gekommen ist.

Und so möge Griechenland, der gescheiterte Staat, eben aus der Eurozone ausscheiden. So what? Von den reinen Wirtschaftsdaten her ist der griechische Währungs- und Wirtschaftsraum weniger bedeutsam, als wenn Bayern plötzlich seine eigene Währung aufmachen und aus dem Euro austreten würde. Interessant ist hauptsächlich, dass, wenn das Land zur Drachme zurückkehrt, es konsequenterweise auch die Rückzahlung seiner Schulden einstellen muss. Denn angesichts des sich dann aller Voraussicht nach einstellenden Wechselkurses würde es den Griechen unmöglich sein, auch nur annähernd die Zinsen ihrer Schulden zu bedienen. Denn die Schulden notieren in Euro - und um einen Euro zurückzuzahlen, werden die Griechen 10, 20 oder auch 50 Drachmen zahlen dürfen. Daraus ergibt sich mit fast zwingender Konsequenz, dass der griechische Staat die Bedienung seiner Schulden einstellen muss - er kann es sich schlicht nicht leisten.

Die Folge wird sein, das Griechenland zwar erstmal schuldenfrei ist, dies aber auf Kosten seiner zumeist ausländischen Gläubiger, die wiederum vorrangig in Europa sitzen. Die werden fürs erste nicht besonders gut auf Griechenland zu sprechen sein - aber damit kann man aus griechischer Sicht und mit etwas zeitlicher Perspektive durchaus leben, denn Politiker und Bankmanager wechseln und auch Zorn vergeht - denn letztlich geht es halt doch nur um Geld, das in irgendwelchen Bankbilanzen steht und heute, Mitte 2012, schon weitgehend abgeschrieben ist. Schwerer wird es für die Griechen dann jedoch, nur mit den eigenen Einnahmen für den griechischen Staatshaushalt auszukommen, denn das werden sie müssen. Auf Jahre hinaus wird kein ausländischer Kapitalgeber griechische Staatsanleihen kaufen und es niemand nach Griechenland Kredite vergeben. Das heißt, dass der griechische Staat vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten sein wird und all seine Ausgaben mit eigenen Einnahmen bestreiten muss. Vom inländischen Kapitalmarkt ist indes nur wenig zu erwarten. Anders betrachtet kann man feststellen: es wird ein Haushalt sein, der zwingend ohne Neuverschuldung auskommen muss. Das wird wehtun, lebt der griechische Staat - wie so viele andere Länder auch - doch schon seit Jahrzehnten zu einem guten Teil von Krediten.

Es wird also die Rückkehr zur Drachme sein, die den Griechen den Zwang zum sparsamen Haushalten in einem viel stärkeren Maße auferlegen wird, als es die Troika tut und tun kann. Denn momentan bekommt Griechenland immerhin noch Kredite aus dem Rettungsfonds bzw. auf Umwegen über die EZB und polstert damit die unzureichenden eigenen Einnahmen auf. Diese Milliarden - 2011 waren es immerhin rund 37 - fallen dann weg, wenngleich auch die Schulden- und Zinsbedienung wegfällt - die aktuell bei rund 14 Mrd. Euro jährlich liegen. Damit würden dem in 2011 118 Mrd. Euro großen griechischen Staatshaushalt mehr als 20 Mrd. Euro an Finanzierung fehlen - und es gäbe vermutlich keine Möglichkeit und Hoffnung, diese fehlende Summe irgendwie über Kredite reinzuholen, weder 2012 noch in den folgenden Jahren.

Damit blieben Griechenland nur inländische Möglichkeiten: durch Erhöhung der Steuern, durch Bekämpfung des Steuerbetruges - der schätzungsweise zwischen 10 und 30 Mrd. Euro jährlich beträgt- durch radikales Zusammenkürzen staatlicher Aufgaben, die mit Ausgaben verbunden sind, also vor allem Löhne, Bautätigkeiten, Pensionen und sozialstaatlicher Maßnahmen. All das wird weder der damit mandatierten Regierung noch dem griechischen Volk schmecken. Nur wird das Land eben absolut keine andere Wahl haben und eine recht gnadenlose, aber auch heilsame Kur von dem süßen Gift der ständigen Neuverschuldung und Kreditfinanzierung des staatlichen Haushaltens erfahren.

Für die Eurozone wäre der griechische Euroausstieg freilich verkraftbar. Die meisten Forderungen wurden in den letzten drei Jahren ohnehin schon gekürzt und in den Bilanzen teilweise abgeschrieben bzw. mit anderen Sicherheiten für den Ausfall-Fall hinterlegt. Und selbst wenn die eine oder andere Bank am Rückzahlungsausfall Konkurs anmelden muss - von Systemrelevanz kann man im an Institutionen reichlich übersättigten Finanzmarkt ohnehin bei so gut wie keinem Marktteilnehmer sprechen. Also kann man auch ruhig die Marktkräfte wirken lassen, durch die unfähige Akteure eben ausscheiden müssen. Das erwarten wir bei allen anderen Marktteilnehmern ja auch. Für Panik gibt es in der ganzen Situation jedoch keinen Grund und immer noch handelt es sich nicht um eine Krise des Euro, sondern um eine Krise der Staatsfinanzierung durch Schuldenaufnahme.

Mittwoch, 16. November 2011

Leave it or take part

My dear British Fellows,
this blog post goes out to you in order to imploringly beg you to leave the European Union. We all know, that everyone on both sides of the channel would be happier if so. To convince you, I collected three reasons which are simple to understand.

First of all, that given your mindset, Great Britain mentally and politically rather belongs to the USA than to continental Europe. Your policital orientation is fixed to your big brother in Washington and eventually it's of no interest to you what really happens on the Continent. And meanwhile after years of rejection of any european matter - surprise, surprise - Continental Europe got it's own political agenda, it's own way to manage things... and of course a more social way of life. And while Great Britain eliminated itself from the european table, Europe itself starts to understand more and more about the necessarity of doing some basic changes and improvements to our squeaky and creaky financial system. All of us know for example, that a financial transaction tax will become reality within the next years. And while Europe focuses on this task, you folks are not even capable to think about it. Instead, you try to protect the last industry your country has, desciable "London city", at all cost - and you pay with billions of taxpayer-money for that. Or furthermore, Germany and France go ahead for an increasing cooperation and integration and less nationalism and you do just opposite. While we have an european vision, your only reflex is to stick to your old-fashioned dreams of an independent, strong and nationalistic Great Britain. This might not be a bad dream at all, but it's so 19th century and no longer our dream. And so we should leave it to you and to you alone.

The second reason is, that your country and economy are no longer an important member of the European Union at all. Europe has grown and integrated in many ways, several new countries entered the Union and you are doing hard to accept, that the Franco-German-coalition has a fast pace for more integration. And while we are doing so, Great Britain had already left the building and is in fact no longer an important and necessary member of the future union. The Euro-Crisis gives an impressive demonstration: you are rightfully not consulted for any measure we are talking about. Furthermore, your political influence has been diminished by yourself and the limits your own nationalistic parliament and population imposed to your polictical leaders. Britain has vanished from the European stage and it was your own wish to do so. The last and the current European Crises showed the remarkable needlessness of Great Britain to solve them and it showed your reluctance to be solidary with others. In fact, it has become irrelevant, if you are or are not a member of the Union. So you can leave her as well.

And last but not least, just confess that overall you don't like to be a member of the European Union. This starts with the ridiculous deduction of the financial contributions to the union and it ends with the revealing of your even more ridiculous attitude of arrogance. Every time, Germany, France or other countries try to induce some closer cooperation, we can bet that you will grizzle and intervene because of some archaic, nationalistic behavior. Every two months, some member of the British Parlament or other populistic organizations already demands, that Britain abandones the European Union. So, my suggestion is to give in and do so. Just leave us alone as we can do for our own and you will be more happy without us.Of course, the other option would be to take a real part within Europe. But to be realistic, we rather would see the Catholic Church abandon papacy than Great Britain be a reliable and progressive member of the European Union. 

Montag, 31. Oktober 2011

Holt euch die D-Mark wieder... und geht pleite

Im Fernsehen sind zur Zeit Reportagen beliebt, in denen auf dem Euro, der Währungsunion im Allgemeinen, den Griechen im Besonderen herumgetrampelt wird und mit tendenziösen Bildmontagen und Berichterstattungen gearbeitet wird. Es folgen gern "Befragungen" des "mündigen Bürgers", in denen der Tenor vorherrscht, man wolle die D-Mark wiederhaben und früher wäre ohnehin alles besser gewesen. Man merkt dann, wie viel wirtschaftspolitische Unkenntnis in den deutschen Medien vorherrscht und wie sehr es doch an ebensolchem Sachverstand mangelt.

Denn es gibt für die deutsche Volkswirtschaft keine größere ökonomische Massenvernichtungswaffe als die Rückkehr zur Deutschen Mark. Um das deutlich zu machen, exerzieren wir eine solche Idee einmal durch:

Im Januar 2012 verkündet die Bunderegierung, aus dem Euro auszusteigen und die Deutsche Mark einzuführen. Prompt steigen die Zinsen für neue Staatsanleihen aller Euroländer außer Deutschland, natürlich. Dessen Zinsen fallen zunächst ins Bodenlose, weil es der einzige noch sichere Hafen zu sein scheint. In Folge der Kreditverknappung für Italien, Spanien, Frankreich und andere Länder werden deren ökonomische Schwierigkeiten größer, die Staatshaushalte schwerer mit Krediten zu versorgen. Die Staaten müssen also stärker sparen und geben daher weniger aus. Ihre Wirtschaften kommen ins Trudeln - und kaufen daher sofort weniger deutsche Exportprodukte, die inzwischen die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Das eigentlich angedachte Wachstum für 2012 reduziert sich prompt von 2 auf 0 Prozent. 


Zur Mitte des Jahres 2012 wird dann der Euro abgeschafft und die Deutsche Mark eingeführt. Sie muss zwangsläufig freien Wechselkursen überlassen werden. Viele Investoren und Banken, die ihre Währungsreserven in den letzten zehn Jahren in Euro angelegt haben, tauschen ihre Gelder nun in Mark um - denn der Rest-Euro ist ihnen natürlich nicht sicher genug. Problematisch daran ist jedoch, dass vor der Euro-Einführung in den Neunziger Jahren gerade mal 8% der weltweiten Währungsreserven in Mark angelegt waren, im Euro heute jedoch schon 23% der Währungsreserven liegen. Ein großer Anteil dieser Gelder flüchtet jetzt in die sichere Deutsche Mark und treiben deren Wechselkurs gegenüber dem Rest-Euro und dem Dollar in ungeahnte Höhen. Bekam man früher für 1,5 Mark einen Dollar, bekommt man heute einen Dollar für eine Mark. Der Wechselkurs Mark zu Euro wird ebenfalls in die Höhe schnellen: statt ungefähr 2:1 werden es eher 1,5:1 werden.


Als Folge davon werden deutsche Exporte in die Eurozone, Dollarländer und nach Asien, die oft ebenfalls in Dollar abrechnen sofort teurer. Hat eine S-Klasse von Daimler in New York im Frühjahr 2012 noch 60.000 Dollar gekostet, sind es im Herbst schon 80.000 Dollar, denn die teure Deutsche Mark macht alle Exporte für die Kunden im Ausland teurer. So geht es nicht nur den Autos, sondern auch Zügen, Kränen, Druckmaschinen, Baumaschinen, Medizintechnik, Dienstleistungen und allen anderen Exporten. Für die bisher erfolgreichen deutschen Lieferanten springen nun die Euroländer in die Bresche, denn ihre Exporte werden plötzlich im Vergleich zu Deutschland günstig. Da der Rest-Euro im Wert gegenüber Dollar und Mark abgewertet hat, sind Frankreich, Spanien, Italien plötzlich billige Hersteller geworden und jagen den Deutschen reihenweise Exportmärkte in aller Welt ab.


Deutschlands Wirtschaft gerät währenddessen in die Rezession und schrumpft bis Mitte 2013 um 5 bis 10 Prozent. Da sich deutsche Autos zunehmend schlechter auf den Weltmärkten verkaufen, entlassen Daimler, BMW, VW und Opel zehntausende von Mitarbeitern oder schicken sie in Kurzarbeit. Ebenso halten es hunderte von großen und mittelständischen deutschen Exportweltmeistern, die ihre Güter nicht mehr bei ihren bisherigen Auslandskunden loswerden.  Die Arbeitslosenzahlen steigen schnell auf 3,5 Millionen und bis Mitte 2013 auf 4 Millionen und weiter. Währenddessen floriert die Wirtschaft in der restlichen Eurozone, da sich Deutschland auf dem Weltmarkt dank seiner starken Währung erstmal aus dem Spiel genommen hat. Vom jährlichen Aussenhandelsüberschuss von über 150 Milliarden Euro jährlich, die uns die starke Exportwirtschaft in die inländischen Kassen gespült hat, ist kaum noch etwas übrig geblieben. Erst nach Jahren des Übergangs und der wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen taucht Deutschland nach schmerzhaften Lohnsenkungsrunden wieder aus dem Tal der Depression wieder auf. 

Das sieht düster aus? Richtig, und genau dieses Szenario wird uns ereilen, wenn wir dem weinerlichen Gejammer nach der "guten alten Mark" nachgeben und wieder eine nationale Währung einführen. Der Euro hat uns seit zehn Jahren eine praktische nicht mehr vorhandene Inflation beschert, er hat unsere Exportwirtschaft durch einen günstigen Eurokurs auf Kosten der anderen Euroländer gestärkt und sorgt für niedrigste Zinsen für deutsche Staatsanleihen, was unsere Staatskassen entlastet. Jetzt ist es an Deutschland, sich dafür bei den anderen Euroländern zu revanchieren und seinen Teil zur Bewältigung der Krise mit ein paar Milliarden beizutragen. Abgesehen davon, dass es in unserem eigenen Interesse liegt, ist es auch fair und richtig, das zu tun.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Europa muss den nächsten Schritt tun

Europa steckt in einer Finanzkrise. Es ist viel weniger eine Währungs- als eben eine Finanzkrise. Das Problem, vor dem einige Eurostaaten stehen ist, dass sie ihren Lebenswandel aufgrund immer skeptischerer Finanzmärkte nicht länger auf Pump finanzieren können. Es steckt daher weniger der Euro selbst in der Klemme, als eben über Gebühr verschuldete Euroländer. Im Prinzip ist das keine schlechte Entwicklung, sondern dürfte endlich zu der schon längst nötigen Konsolidierung von Staatsausgaben führen. Es ist eine heilsame, wenngleich schmerzliche Krise.

Übersehen wird teilweise, dass die europäische Idee als Ganzes unter dem aktuellen Geschehen leidet. Die Unfähigkeit - und auch der teilweise Unwillen - von Griechenland, Italien, Spanien und Portugal, wettbewerbsfähige Ökonomien und effiziente Staatsapparate hervorzubringen, zeigt uns deutlich die Grenzen der Solidarität. Eine große Krise reicht, um die Bürger Europas den Gedanken an gegenseitige Hilfe über Bord werfen zu lassen und egoistische Nationalismen hervorzukramen. Dabei ist es gerade das, was den europäischen Gedanken ausmachen muss: im Ernstfall seinen Nachbarn beizustehen - denn niemand braucht Beistand in guten Zeiten.

Natürlich ist es unpopulär, Griechenland oder anderen Ländern mit schlecht geführten Staatshaushalten mit Mitteln des Rettungsschirms unter die Arme zu greifen. Und natürlich müssen wir all diese Länder zwingen, sich zu reformieren. Aber bedenken wir bei diesem Lamentieren ruhig auch, wie sich Deutschland selbst verhalten hat, als wir Anfang der 2000er-Jahr die Neuverschuldungsgrenze von 3% überschritten haben: schäbig und mit fadenscheinigen Argumenten haben wir das drohende Defizitverfahren abgewehrt und dadurch selbst die anderen Länder ermutigt, es uns gleichzutun. Man könnte sagen: wir sind selbst mit an dem schuld, was heute passiert, bzw. ist es die damalige rot-grüne Bundesregierung. Und es war die heutige Bundesregierung, die nicht in der Lage war, die Europäische Zentralbank in ihrer politischen Unabhängigkeit vor den französischen Begehrlichkeiten zu schützen, so dass sie nun aufgrund des teilweisen Glaubwürdigkeitsverlustes eine Währung unter Druck verteidigen muss.

Darum müssen wir heute umso engagierter in die Bresche springen: Deutschland muss eben die Garantien für griechische Staatsanleihen übernehmen - oder Griechenland pleite gehen lassen und aus der Euro-Zone werfen. Beides ist möglich und machbar und beides wird uns nicht umbringen. Jedoch müssen wir eine dieser beiden gleichermaßen unschönen Lösungen wählen. Denn Europa ist zu wichtig, um es Populisten zu überlassen, die von dem aktuellen Fahrwasser des merkelschen Sowohl-als-auch profitieren. Insofern hat der vor wenigen Wochen noch dafür gescholtene FDP-Vorsitzende Rösler mit seiner Resolvenz-Idee zumindest einen Standpunkt bezogen - den reichlich Ökonomen teilen.

Die heutige Europäische Union wurde einmal errichtet, um uns vor den Barbaren vor unseren Toren und den Barbaren in uns selbst zu schützen, um Frieden und Freiheit zu sichern. Nachdem die EG und die EU für Jahrzehnte den Frieden der Nationen Europas gestärkt und gesichert haben, verschwinden diese Gründe zunehmend und wir müssen jetzt eben einen weiteren Schritt tun. Das bedeutet, dass von den Parlamenten der Staaten bestimmte Rechte an das Europäische Parlament gehen müssen. Es bedeutet, dass wir neben Gemeinderäten, Landtagen und dem Bundestag auch eine Europäische Regierung wählen müssen. Es bedeutet, dass Nationen sich nicht länger dem Instrument der Verschuldung des Staatshaushaltes bedienen dürfen, um ihre eigene Unfähigkeit kaschieren zu können. Es bedeutet, das wir die Europäische Zentralbank wieder unabhängig machen müssen. Es bedeutet, das wir Kompetenzen dort ansiedeln, wo sie sinnvoll aufgehoben sind und nicht da, wo wir sie aus nationalistischen Egoismen gerne hätten. Es bedeutet einfach einen weiteren Schritt in der Entwicklung zu machen und zu erkennen, dass das 21. Jahrhundert nach anderen Lösungen verlangt als das 19. und 20. Wir müssen begreifen, das wir mit nationalem Kleinklein in der weltpolitischen Bedeutungslosigkeit versinken werden. Das wäre fatal.

Denn trotz all ihrer vorhandenen Unzulänglichkeiten gibt es keine andere Region in der Welt, die mehr für Klimaschutz, Menschenrechte, demokratische Entwicklung und soziale Wohlfahrt tut, als die Länder Europas und die Europäische Union durch sie. Europa ist aus Sicht der meisten Regionen der Welt nicht mehr und nicht weniger als das Paradies auf Erden. Und wenn irgendwann auf dem Planeten die dringend wünschenswerte Finanztransaktionssteuer eingeführt werden wird, dann kann man sicher sein, dass die EU vorne mit dabei sein wird. Im Vergleich mit den USA, China, Japan, Russland, Indien und dem Rest der Welt ist die Europäische Union eine moralische Supermacht. Im Sinne ihrer 500 Millionen Bürger muss sie ihren Einfluss erweitern und nicht verspielen. Natürlich: in der Bedeutungslosigkeit lebt es sich auch ganz gut. Wenn wir das mehrheitlich wollen, nun gut, sei es drum. Falls nicht, muss Europa den nächsten Schritt tun.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Den Euro braucht man nicht schlechtreden...

...es zeugt im Gegenteil sogar von reichlich fehlendem ökonomischem und politischem Sachverstand, sich in diesen Reigen einzureihen. Denn den momentan so beliebten Unkenrufen, der Euro stünde kurz vor dem Zusammenbruch, kann man ein paar harte Tatsachen entgegensetzen:

a) Die Stabilität des Euros beruht auf dem deutschen Vermögen und unserem politischen Willen
Das Folgende darf man als Deutscher nur hinter vorgehaltener Hand Sagen: es ist natürlich schön - und notwendig - das so viele europäische Länder beim Euro mitmachen. Und natürlich war es klug, das gerade Frankreich Deutschland im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses zur Währungsunion gedrängt hat. Und sicher ist der Euro ein Gemeinschaftsprojekt aller Länder, die mitmachen. Aber eines bleibt nicht von der Hand zu weisen: die Stabilität des Euro hängt nicht von Irland ab, nicht von Griechenland, Portugal und auch nicht vom ökonomisch viel größeren Spanien, noch nicht mal von Italien oder Frankreich. Die Stabilität des Euros beruht schlicht darauf, dass der deutsche Staat sagt: wir garantieren die Sicherheit aller Anleihen, die die Europäische Zentralbank ausgibt und benötigt. Denn - und das ist das eigentlich Lustige daran - der Wert einer Währung gründet sich so gut wie vollständig auf dem Vertrauen in dieselbe. Der Wert einer Währung ist etwas psychologisches und nichts, was auf Gegebenheiten der realen Wirtschaft fußt. Ökonomen reden sich das zwar schön und führen Begriffe wie "Fundamentaldaten", "Wechselkurs", "Zinssätze" und andere Dinge ins Felde. Aber davon verstehen die wenigsten Menschen etwas und die politischen Akteure auch nur rudimentär - und daher ist es für sie auch nicht wichtig. Der Wert einer Währung beruht in den Augen der Mehrheit daher darauf, dass jeder glaubt, mit dem Schein in der Tasche könne er sich etwas im aufgedruckten Gegenwert kaufen und darauf, dass Banken glauben, die Zahlen in ihren Computern wären etwas wert. Allein dieser Glaube ist das Entscheidende. Und das alle 400 Millionen Eurobürger diesen Glauben behalten können - dafür garantiert im konfus organisierten und ziemlich chaotischen Gefüge der Europäischen Union letztlich nicht die EZB, sondern die größte Wirtschaft, das größte Land, das mit dem größten Vermögen, Deutschland. Denn wenn's brennt, schauen alle nach ganz oben.

Und gerade aus diesem Grund ist es eine fahrlässige Haltung von Angela Merkel, wenn sie dem Euro nicht jede nötige - meist rein verbale - Unterstützung gibt. Denn - auch das ist ziemlich lustig - die deutsche ist die einzige Volkswirtschaft Europas, die nicht pleite gehen kann, eben weil sie die größte ist. Das resultiert zum einen daher, dass das deutsche Vermögen derart groß ist (rund 4 Bio. Euro Barvermögen, weitere rund 13 Bio. Euro Sachvermögen) das wir damit so ziemlich den halben Planeten kaufen könnten, wenn wir wollten. Somit machen uns die paar hundert Milliarden Euro Kredite, um die es jetzt geht, nicht wirklich Sorgen und es ist beruhigend, das unser dieser Reichtum zur Seite steht. Entscheidender ist jedoch, dass wir als größte Volkswirtschaft und größtes Land über die EZB jede geldpolitisch nötige Maßnahme treffen könnten, um eine wie auch immer gerartete Pleite zu vermeiden. Wenn wir bspw. eine Billion Euro als Waffe gegen Währungsspekulationen benötigen würden, könnte allein Deutschland es durchsetzen, dass die EZB diese Summe verfügbar macht. Das hängt allein vom politischen Willen ab. Wir könnten auch jederzeit hergehen und erklären, das bspw. alle Kredite, die Portugal oder Griechenland benötigen, vom deutschen Staat in unbegrenzter Höhe abgesichert werden. Das Resultat wäre, dass die Zinsen, welche diese Länder bezahlen müssen, nicht höher wären als diejenigen, welche Deutschland jetzt zahlt - und die liegen vielleicht bei einem Prozent (und nicht bei vieren, wie die dieser bedauernswerten Länder). Interessant an diesen Maßnahmen ist ihre Virtualität - in keinem Fall fließt echtes Geld von A von B - es wird lediglich behauptet, das notwendige Geld stünde irgendwo bereit und warte nur darauf, in den Kampf gegen die Spekulanten geworfen zu werden. Diese würden dann schleunigst das Feld räumen - denn ihre Verluste aufgrund fallender Zinsen und nicht mehr benötigter Kredite sind nämlich real, die Verluste der staatlichen Akteure hingegen nicht. Es ist also nur die politische Feigheit Merkels, welche diese Akteure zu ihren Gewinnen auf Kosten der europäischen Steuerzahler verhilft - und das begreift die Kanzlerin nicht. Leider ist sie nicht so klug und europäisch verortet wie andere...

b) Die Dauerhaftigkeit des Euros beruht auf seiner Alternativlosigkeit
Die europäischen Länder haben keine Alternative zum Euro. Das ist sehr wörtlich zu nehmen, denn es war der Euro, welche die Integration der europäischen Volkswirtschaften so stark ermöglicht hat. Unser Außenhandel findet zum größten Teil innereuropäisch statt und in den letzten zehn Jahren hat diese gegenseitige Integration ein Maß erreicht, das ohne den Euro als vereinheitlichende Grundlage für Berechnungen, Zahlungen, Kalkulationen und Vertragsschlüsse nicht denkbar gewesen wäre - und nicht wieder rückgängig zu machen ist. Würden wir den Euro jetzt wieder abschaffen und zu nationalen Währungen zurückkehren, flöge gerade uns Deutschen ein guter Teil unserer außenhandelsorientierten Wirtschaft um die Ohren - und das in einem Maße, dass sich die Weltfinanzkrise von 2008 und 2009 dagegen wie eine milde Sommerbrise ausnehmen würde. Aber auch die anderen EU-Länder würden leiden, Branchen wie Tourismus, Logistik, Produktion, die sich internationalisiert haben, müssten plötzlich wieder mit Währungsschwankungen rechnen und letztlich alles in Dollar oder Mark abrechnen - eine schwer vorstellbare und schlecht handhabare Option mit großen Reibungsverlusten, die uns Marktanteile, Wettbewerbsfähigkeit und Einkommen kosten würde.Dieser Gedanke ist von solch großer politischen Dummheit, das man ihn gar nicht denken braucht.

c) Die Stärke des Euros beruht auf der Europäischen Volkswirtschaft
Ganz simpel: die EU-Wirtschaft ist die größte der Welt. Die deutsche allein ist nur noch die drittgrößte, die französische liegt auf Platz fünf, die spanische auf Platz neun. China hat uns schon überholt und liegt auf Platz zwei, Indien wird bald folgen, weitere bevölkerungsstarke Länder wie Brasilien sind auf dem Weg. Jedes für sich genommen sind die europäischen Länder in weltwirtschaftlicher Bedeutung - und somit an Einfluss - auf dem absteigenden Ast. Nur gemeinsam sind die EU-Länder die weltgrößte Wirtschaft mit einem entsprechenden Einfluss und - da man die USA in dem Punkt abschreiben kann - die einzige ökonomische Supermacht, in der zumindest versucht wird, Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Entwicklung allmählich in Einklang zu bringen. Daher wird der Euro an Gewicht zulegen, während der Dollar weiter an Gewicht verlieren wird. Das hat einen einfachen Grund: die Europäische Union bietet neben den USA die einzige globale Währung an, die vertrauenswürdig ist, internationales Gewicht hat, hinter der ökonomische und politische Macht steht und - sehr bedeutend - die keinesfalls pleite gehen kann. Das bietet das nötige Vertrauen um sein Geld darin anzulegen.

Zu ihrer besten Zeit lagen rund 15% der internationalen Währungsreserven in Deutscher Mark an, heute liegt der Euro bei bereits fast 30%. Der Dollar hatte sein Hoch bei über 70%, heute sind es noch rund 60% - Tendenz fallend. Alternativen gibt es - aber wer will die schon? Pfund und Franken versinken inzwischen in der Bedeutungslosigkeit, auch angesichts der politisch gewollten, isolationistischen Tendenzen der beiden Währungen und Wirtschaften. Und wer würde sein Geld ernsthaft in Renminbi oder Rupien investieren, also den Währungen von Ländern, bei denen man sich der politischen Akteure und Aktionen nicht gewiss sein kann und somit ständig um sein Geld fürchten müsste. Um Währungsreserven aufzubauen bleiben einem nur die eigene Währung, Dollar und Euro. Und da hilft ein Blick zurück: der Wechselkurs Euro-Dollar betrug mal 0,8 zu 1. Heute sind es 1,3 zu 1, Tendenz eher steigend als fallend. Die Perspektive ist klar.

Fazit:
All das heißt: der Euro ist die wertvollere Währung, mit ihm kann man sich mehr kaufen, als mit dem Dollar. Also ist der Euro der langfristig stabilere, gesündere und kräftigere Akteur auf dem globalen Währungsmarkt. Trotz seiner nur rund zehnjährigen Geschichte ist der Euro geschichtlich betrachtet zweifellos die erfolgreichste Währung des Planeten und er wird die momentanen Bodenschwellen auf der Autobahn dieses Erfolges ebenso zweifellos überwinden und abermals gestärkt daraus hervorgehen. Es wäre hier also mehr Optimismus und weniger Kleinmut angebracht, wenn es um die Zukunft unserer gemeinsamen Währung geht. Natürlich kann man das heute auch schlechtreden - in fünf Jahren zurückblickend wird einem das eher nur peinlich sein müssen.

Noch mehr zu lesen: http://www.zeit.de/2010/50/Waehrung-Euro

Donnerstag, 20. Mai 2010

Billiger Euro, teures Öl und warum Panik völlig unangebracht ist.

Der Euro wird gegenüber dem Dollar momentan immer günstiger. Inzwischen zahlt man noch rund 1,22 Dollar für einen Euro. Vor ein paar Monaten waren es meist zwischen 1,40 und 1,50 Dollar. In den Medien und Teilen der politischen Landschaft scheint dies ein ungeheur großes Problem darzustellen und die Eurozone kurz vor dem Bankrott zu stehen. Es stellt sich jedoch die Frage, warum der Wechselkurs so ein Problem darstellt. Denn ein schwächerer Euro hat durchaus seine Reize und ich will dies anhand von drei Argumenten erläutern.

Zum Ersten: wenn der Euro gegenüber dem Dollar abwertet (übrigens auch gegenüber dem chinesischen Renminbi, was echt witzig ist, aber dazu später), verteuern sich für die Eurozone die Importe, welche in Dollar und den an ihn gekoppelten Währungen abgerechnet werden. Der wichtigste solcher Importartikel nach Europa ist - wen wundert's - das gute alte Öl. Wichtiger im Import/Export-Zusammenhang ist jedoch, dass gerade Deutschland deutlich mehr exportiert als importiert. Der Saldo unserer Leistungsbilanz (das Aussenhandelsergebnis) liegt in den letzten Jahren immer irgendwo zwischen 110 Mrd. und 160 Mrd. Euro. D.h. für diesen Betrag verkaufen wir mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland, als wir von dort wiederum einkaufen. Der größte Teil dieses Aussenhandelsüberschusses wird zwar in Euro abgewickelt, weil EU-Staaten unsere wichtigsten Handelspartner sind, danach kommt aber gleich der Dollar. Und - jetzt wird es spannend - wenn nun Handelspartner, die in Dollar zahlen müssen oder wollen, weniger von den hübschen grünen Dollar für die gewünschten deutschen Güter hinlegen müssen, weil der Dollar gegenüber dem Euro stärker geworden ist, so werden diese Euro-Waren für die Käufer billiger. Na, das ist doch super und wahrlich kein Grund zum Trübsal-Blasen für die deutsche Wirtschaft. Denn je günstiger unsere Waren im Euro-Ausland werden, desto konkurrenzfähiger werden sie. Natürlich müssen wir für Waren, die wir in Dollar kaufen (wie bspw. Öl), jetzt mehr Euros hinlegen, um dieselbe Menge zu erwerben. Aber der Clou ist: durch den Aussenhandelsüberschuss ist unser zusätzlicher Gewinn beim Export höher als der zusätzliche Verlust beim Import.  Ein schwächerer Euro ist ein Erfolgsrezept für eine boomende Wirtschaft - etwas, das uns China seit ein paar Jahrzehnten problemlos mit seiner eigenen Währung vormacht und das einen guten Anteil am chinesischen Boom hat. Ein weiteres, feines Detail schlägt zusätzlich zu unseren Gunsten aus: gerade diejenigen deutschen Unternehmen, welche viele Einkäufe in Dollar tätigen, sichern sich meist auf ein bis zwei Jahre im Voraus gegenüber Wechselkursschwankungen ab, indem sie bspw. Dollarreserven anlegen oder mit Finanzprodukten Kursschwankungen aufheben. Das bedeutet: auch ein ein fallender Euro trifft uns zunächst mal nicht sehr.

Zum Zweiten: je mehr Dollar wir für den so wichtigen Artikel "Öl" auf den Tisch legen müssen, desto teurer wird der Ölpreis und desto teurer wird also Benzin. Jetzt ist teures Benzin zwar typischerweise das Beste, was dem deutschen Gossenboulevard passieren kann, aber es wird langfristige seine gesamtwirtschaftlichen Vorteile haben. Denn die letzten 20 Jahre haben uns leider eindrucksvoll demonstriert, dass die deutsche Automobilwirtschaft zum einen zu faul, zum zweiten zu fixiert auf Verbrennungsmotoren und zum dritten geistig zu unbeweglich ist, um sich endlich mit der nötigen Massivität und Ernsthaftigkeit dem Thema Elektromotoren im Masseneinsatz zu widmen. In der Zwischenzeit werden seit einigen Jahren in China und Indien Abermilliarden an staatlichen Geldern eingesetzt und Abertausende an Ingenieuren ausgebildet, die sich nur mit diesem Thema beschäftigen. Während also der uneinholbare Vorsprung der europäischen Automobilindustrie im Bereich des Verbrennungsmotors aufgrund des absehbaren Endes der Verfügbarkeit von Öl zunehmend irrelevanter wird, sieht es beim Motor der Zukunft, dem Elektromotor, ganz anders aus. In wenigen Jahren werden wir hier uneinholbar hinten liegen (und allle europäischen Aktivitäten in diesem Bereich der letzten zehn Jahre lassen nur vermuten, dass es so kommen wird). Man sollte auch nicht hoffen oder annehmen, man könne das Know-How der Asiaten in einigen Jahren einfach erwerben oder übernehmen, denn gerade China wird es nicht hergeben, sondern im Zweifelsfall einfach verstaatlichen. Sprich: entsprechende Unternehmen stehen für Ausländer nicht zum Verkauf. In Sachen Protektionismus haben alle gut von EU und USA gelernt.

Wenn jedoch Öl endlich teuer genug würde, dass es sich nicht länger lohnte, diesen immer knapper werdenden Rohstoff zu verfeuern statt für sinnvolles zu nutzen, wird auch die deutsche Automobilindustrie die Zeichen der Zeit nicht nur verbal, sondern auch mit Taten erkennen. Und sie wird es tun müssen, denn ansonsten hätten wir in 20 Jahren nur eine weitere, zusammengeschrumpfte Industrie, in der wir einmal weltweit führend waren und dann abgehängt worden sind. Wenn man sich vor Augen führt, dass der Automobilsektor samt aller Zulieferer in Deutschland rund 15% der gesamtwirtschaftlichen Aktivität ausmacht, wird schnell deutlich, dass es für uns wichtig ist, hier auch weltweit führend zu bleiben.

Zum Dritten: die Euroländer haben - und das ist das wirklich absurd lustige daran - zur Stützung des Euro-Dollar-Kurses doch tatsächlich die Gelddruckmaschine angeworfen, indem sie die formell unabhängige Europäische Zentralbank genötigt haben, Staatsanleihen zu kaufen. Um das zu erklären: wenn Lieschen Müller oder Herr Feinbein oder die Deutsche Bank Staatsanleihen kauft, ist das ein ordentliches Geschäft. Lieschen legt 100.000 Euro hin und bekommt ein Stück Papier, auf dem steht "Ich bin 100.000 Euro wert und Du bekommst für mich jedes Jahr 5% Zinsen". Da Staaten selten pleite gehen, ist das Risiko für Lieschen gering und der Gewinn beträgt 5.000 Euro jährlich (abzüglich Inflation, aber was solls). Wenn jedoch die EZB Staatsanleihen kauft, dann - und das ist der Clou - EMITTIERT sie neues, frisches Geld, das bisher noch nicht existiert hat. Und wenn sich die Geldmenge einer Wirtschaft erhöht, ohne das dieser Erhöhung ein Mehr an produzierten Gütern und Dienstleistungen gegenübersteht passiert etwas, dass jeder Volkswirt im dritten Semester an der Uni lernt: der Wechselkurs gegenüber anderen Währungen sinkt und es ensteht Inflation, weil mehr Geld bei gleichbleibendem Güterangebot logischerweise weniger wert ist*. Witzig daran ist, dass die Maßnahme getroffen wurde, um den Wechselkurs zu stabilisieren. Und das kann nicht funktionieren - was wieder einmal zeigt, wie wenig volkswirtschaftlicher Sachverstand auf Regierungsebenen existiert. Es ist zum Heulen...

Die Schlußfolgerung: es ist insgesamt kein Drama, wenn der Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar ein wenig mehr Richtung Parität geht. Zwar stehen die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und finanzpolitisch schlechter da, als die Europäische Union, womit eine Wechselkursparität, d.h. ein Kurs von 1:1 nicht gerechtfertigt wäre. Dennoch ist auch ein Wechselkurs von irgendwo zwischen 1,10 bis 1,35 Dollar pro Euro angemessen und gerechtfertigt. Panik erscheint bei einem Kurs von 1,22 völlig unangemessen und ebenso sind es hektische Maßnahmen. Der Markt funktioniert gut, es ist nicht nötig, hier zu intervenieren. Wenn, dann geschieht es aus Gründen der Politik, nicht der Währung oder Wirtschaft.



* Hier ein bisschen Theorie: wenn die Geldmenge einer Wirtschaft 100 Euro umfasst und dieser Menge steht ein Warenangebot von 100 gleichwertigen Gütern entgegen, kann mit jedem Euro ein Gut gekauft werden. Das Tauschverhältnis beträgt sozusagen 1:1 im Ausgangsjahr. Im nächsten Jahr umfasst das Warenangebot immer noch 100 Güter, weil die Wirtschaft nicht gewachsen ist. Die Geldmenge ist aufgrund von politischem Druck jedoch auf 110 Euro gewachsen. Jetzt stehen 110 Euro 100 Gütern gegenüber, das Tauschverhältnis beträgt nun also 1,1 Euro für 1 Gut. Das nennt man Inflation und sie geschieht, wenn die Geldmenge schneller wächst als das Warenangebot. Auch für den Wechselkurs gilt das, denn es stehen nun mehr Euros einer gleichgebliebenen Menge an bspw. Dollar gegenüber, d.h. man kann für gleichviel Dollar nun mehr Euros erhalten (das ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt, aber so ist es verständlich).