Montag, 4. September 2017

Eine sehr gemütliche Demokratie

Ich bin beim Sehen des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Martin Schulz nach ca. einem Drittel auf dem Sofa eingeschlafen. Die Ursache war zugegebenermaßen ein einigermaßen anstrengendes Wochenende, aber die doch recht einvernehmliche und dadurch auch weitgehend langweilige Gesprächsführung zwischen den beiden - man möchte sie nicht mal Kontrahenten nennen - trug dazu bei, dass ich problemlos wegpennen konnte.

Im Nachgang ist mir aufgefallen, dass das nicht das Schlechteste ist, was uns passieren kann. Zwei recht vernünftige Personen bewerben sich um das höchste Amt im Staat, beide gleichermaßen politisch erfahren und intelligent genug, als das man ihnen die Macht auch anvertrauen kann, egal was man von ihrer politischen Agenda im Detail hält. Allzu sehr unterscheiden tun sich diese ohnehin nicht, wenn man von einer politischen Aussenseiterposition darauf schaut.

Im Prinzip ist das ein ziemlicher Luxus, wenn man sich sonst auf der Welt umsieht. Es gibt reichlich Länder, in denen sich Demagogen und Populisten um die Staatsführung bewerben, selbst im Nachbarland Frankreich bleibt man davon nicht verschont. Auch Österreich, Belgien, die Niederlande oder Italien haben hier ihre Probleme. Und von Polen, Ungarn oder der Türkei wollen wir gar nicht reden. Dortige TV-Duelle, so sie denn stattfänden, wären natürlich spannender, aber das ist schließlich kein Wert an sich.

Insofern ist es ganz angenehm, dass unser Bundestagswahl derart langweilig ist, weil wir - zumindest zur Zeit - keine tatsächlich existentiellen Herausforderungen zu meistern haben. Darüber kann man sich auch mal glücklich schätzen

Montag, 24. Juli 2017

Aus dem Brexit wird wohl doch etwas

Vor einem guten Jahr hatte ich kurz nach dem Brexit-Referendum geschrieben, das aus dem Brexit meiner Ansicht nach nichts würde. Dabei habe ich mich ganz offensichtlich geirrt und es interessierte mich nun, warum das eigentlich so ist.

Der Hauptgrund ist, dass der damalige Premierminister Cameron, die britische Öffentlichkeit (und natürlich ich selbst) ganz offensichtlich unterschätzt haben, wie wenig die neue Premierministerin May doch für die EU übrig hat. Davon wir ich sehr überrascht. Man erkennt am gesamten bisherigen Handeln Mays, dass sie von Anfang an sehr klar vorhatte, den Brexit zu ihrem Projekt zu machen. Am deutlichsten wurde das dadurch, dass sie - nach einem guten dreiviertel Jahr des Hinhaltens - zuerst(!) den Austritt via Artikel 50 getriggert und erst direkt danach Neuwahlen ausgerufen hat.

Schließlich hätte sie nichts daran gehindert, es genau andersherum zu machen und nach der Ankündigung der Wahlen zu sagen "Wählt mich, und ich werde das Referendum ignorieren", so wie von mir letztes Jahr beschrieben. Vermutlich ist May mit der ganzen Situation auch in einer gewissen Art und Weise überfordert, denn zumindest würde sich ein rationaler Führer anders verhalten, als sie es tut.

May hat den Brexit ganz offensichtlich als ihr Projekt adaptiert und will damit ihre "Regenschaft" verknüpfen. Das ist nicht unverständlich, schließlich wäre sie ohne den Brexit wohl nicht zu ihrem heutigen Amt gekommen. Sie hat sich allerdings - wie die gesamte Brexit-Kampagne - sehr verkalkuliert, wie sehr der gesamte Austrittsprozess das Land doch verunsichern würde. Schließlich ist es viel einfacher, im Schulhof zu stehen und zu krakelen, man wolle hier raus als dann tatsächlich raus vor die Mauer geschoben zu werden, mit der Ansage "Jetzt sieh zu, wie Du allein zurecht kommst".

Ich bin allerdings ehrlich gesagt bei weitem nicht überzeugt, dass der Brexit für Großbritannien zu einem völligen Desaster werden wird. Schließlich gibt es ja auch halbwegs erfolgreiche Länder außerhalb der EU. Wenn heute in der Welt eine nach-unten-Korrektur des Wirtschaftswachstums von 0,3% nach unten als "massiv" beschrieben werden, ist das lächerlich. 0,3% sind noch nicht mal die Schwankungsbreite. Was den Briten Probleme bereitet, ist die andauernde Unsicherheit über den Kurs Großbritanniens, verursacht durch die selbst verschuldete Schwäche der jetzigen Regierung. Ohnehin verhalten sich die britische Führung und ein guter Teil der Briten auch nicht besonders clever, wenn es darum geht, zu einem guten Ausstiegsvertrag für die künftigen Beziehungen zu kommen. Immerhin dürfte eines klar sein: 27 Länder sind stärker als eines und Bockigheit hilft beiden Seiten nicht.

Für die Kabarettisten wird wohl am lustigsten sein, das Großbritannien wohl kaum darum herum kommen wird, auch in Zukunft die meisten der EU-Binnenmarktregeln anzuwenden - auf Basis eigener Gesetzgebung - wenn es einen privilegierten Zugang zum EU-Markt haben möchte, aber nicht mehr bei deren Gestaltung mitreden darf. Das ist die Steilvorlage für jeden Komiker.

Montag, 8. Mai 2017

Das geht so weiter

Vor einiger Zeit schrieb ich dies:



Die Nachricht war ein guter Anstoß, diesen schon seit längerem herumliegenden Artikel fertigzustellen.

Der sich beschleunigende Anstieg des Meeresspiegels ist nur ein Symptom von vielen, die uns zeigen, dass die ruhigen Jahre des Wachstums und der Konsolidierung dem Ende zugehen. Und sie werden auch nicht wiederkehren. Die zunehmenden Unruhen, die wir seit einigen Jahren auf der Welt erleben, sind meiner Ansicht nach keine Schluckaufe, die sich wieder beruhigen werden, sondern sie sind der Beginn einer Eskalation, sozusagen des Eintritts in den steilen Teil einer exponentiellen Kurve. Was stellt diese Kurve dar? Den Übergang von einem für Menschen lebenswerten globalen Ökosystem in... einen anderen Zustand. Vielleicht kann man den Lauf der Welt mit einem sich drehenden Kreisel vergleichen, dem nun langsam die Luft ausgeht und der deshalb ins Schlingern kommt. Im Wesentlichen stehen wir, sowohl global wie regional gesehen, drei großen Herausforderungen gegenüber: 

1. Unsere Gesellschaften fliegen auseinander
Die vom Wähler in ihre Ämter gebrachten Demonteure der Demokratien wie Trump, Erdogan, Putin, Orban, Kaczyński oder Maduro sind nicht die Ursachen des Niedergangs, sie sind ihre Symptome. Ob Mauerbau in den USA gegen Mexiko oder die Abschottung Europas Richtung Mittelmeer und Naher Osten, ob Brexit oder ähnliches. All die Dinge, über die man sich in den liberal-intellektuellen Kreisen gerne als "Dummheit des Pöbels" lustig macht, sind nur eine Spiegelung der gesellschaftlich Abwärtsspirale, auf der wir uns seit Jahrzehnten begeben haben. Die Zentrifugalkräfte aller hochtechnisierten Gesellschaften nehmen seit Jahrzehnten deutlich zu. Dazu tragen viele einzelne Entwicklungen bei: das Internet und die pseudosozialen Medien, das Nachlassen am Interesse an gesellschaftlicher Gesamtverantwortung, der Individualismus und Egozentrismus, eine schlechtere Allgemeinbildung bei gleichzeitig zunehmendem Spezialistentum und Zersplitterung von Interessen und Gruppen, eine immer weiter reichende Bürokratie, dem Erstarren der gesellschaftlichen Durchlässigkeit, die Konzentration von Macht und Vermögen in den Händen weniger. All diese Herausforderungen sind äußerst problematisch, aber grundsätzlich zu handhaben, wenn wir nur weiter miteinander diskutieren und gegenseitiges Interesse aufbringen.  Die Tatsache, dass in Deutschland rund 70% der Wähler recht kontinuierlich ihre Stimmen zwei großen Parteien geben, die für Stabilität und Kontinuität stehen, zeigt beispielsweise, wie sehr eine große Mehrheit der Deutschen diese relativ ruhige Staatsführung schätzen. Global betrachtet sieht es für viele Länder weitaus schlechter aus. Ob Länder stabil sind oder nicht, hängt durchaus völlig von ihren eigenen Bevölkerungen ab. Hält man es mit der Historie, können wir uns auch fragen, ob wir heute - verglichen mit dem Römischen Kaiserreich - eher im 1. Jahrhundert oder doch im 4. Jahrhundert sind.

2. Die Ursachen von Flucht
Dieser Grund ist viel problematischer: eine stetig ansteigende Anzahl von Menschen hat immer mehr Grund, aus ihren Ländern zu fliehen: dazu zählen auseinanderfallende Staaten wie Sudan, Syrien, Tunesien oder Libyen genauso wie all die Länder, die von den Kleptokraten der Welt mit reichlicher Unterstützung von allerlei Großkonzernen ausgeplündert werden, egal ob nun in Mittelasien, Südamerika, Afrika oder Russland. Dazu kommen Staaten, in denen die Mühsal des demokratischen Prozesses zu einem Backlash geführt hat und die nun wieder abdriften in autokratische Systeme: Türkei, Bulgarien, Polen, Russland, Ägypten und andere. All diese Staaten produzieren Flüchtlinge.

Dazu kommt nun als alles überlagerndes Megathema der fortschreitende Klimawandel und die Verwüstung durch intensive Landwirtschaft, wodurch riesige, bislang fruchtbare Regionen ausgedörrt und in Wüsten verwandelt werden und wo das steigende Weltmeer Deltas und niedrig liegende Landstriche versalzt und überflutet. Nimmt man noch das Versiegen ehemals reicher Rohstoffquellen an Wasser, Nahrung und Erzen durch Übernutzung und Erschöpfung hinzu, hat man das Rezept für die Wanderungen von Abermillionen. Die Erde wird klimatisch ungemütlicher und die Menschheit trägt mit - im wahrsten Sinne des Wortes - Volldampf dazu bei, das für uns habitable Klima des Planeten für unsere Nachkommen irreparabel zu beschädigen

3. Technisierung
Die Robotisierung und Automatisierung der hochentwickelten Welt sorgt für einen kontinuierlichen Ersatz von bislang durch Menschen erledigte Arbeiten mit Maschinen. Das ist jetzt rund zweihundert Jahre recht gut gegangen. Es hat uns einen unvergleichlichen Wohlstand beschwert und die für den Lebensunterhalt notwendige Arbeitszeit für große Teile der Bevölkerung von 100 auf vielleicht 40 Wochenstunden reduziert. Diese Entwicklung führt nun aber - neben vielen positiven Effekten - zu einer Konzentration der Wertschöpfung in den Händen immer weniger Eigentümer. Denn die robotisierte Wirtschaft funktioniert im Gegensatz zur bisherigen nicht ohne immensen Kapitaleinsatz bereits vor dem Produktionsstart. Das ist eine Markteintrittsbarriere erheblichen Ausmaßes. Die zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen in hochtechnisierten Gesellschaften (Gini-Koeffizient) ist ein direkter Ausfluss gerade eben dieser Entwicklung. Die USA und Japan als in dieser Hinsicht am weitesten vorangeschrittene Gesellschaften zeigen, dass der Gini-Koeffizient hier Richtung Vermögenskonzentration geht. Das wiederum wird perspektivisch zur Verarmung all der Bevölkerung führen, die zwar bislang von ihrer Hände Arbeit leben konnte, deren Arbeit nun schließlich und endlich doch wegrobotisiert und wegkomplexiert wird. Immer mehr Mitglieder unserer Gesellschaften sind schon jetzt nicht in der Lage ist, genügend Bildung zu akkumulieren, um in den immer komplexer werdenden, neuen Jobs zu arbeiten. Zwar gibt es Lösungsansätze dafür (Robotersteuer, Grundeinkommen, Hyperspezialisierung), aber es ist immer noch fraglich, ob und wie diese durchsetzbar sein werden und inwiefern diese Ansätze nicht auch zu anderen Problemen führen werden. Was wir aktuell schlicht nicht anerkannt haben ist, dass es für einen guten Teil unserer Gesellschaft natürliche Bildungsbarrieren gibt, die sie schlicht nicht überschreiten werden. Und solange wir sie dazu nicht zwingen wollen, gibt es hierfür keine Lösung.

Trotz der letztgenannten Entwicklung wird Deutschland - die Vermeidung größere Fehler in seiner Staatslenkung mal ausgenommen - zusammen mit dem restlichen Nordeuropa zumindest in diesem Jahrhundert zu einer Art Insel der Glückseligen. Gleichzeitig zerfällt jedoch an den Außenrändern Europas die Welt jedes Jahr weiter zu Staub. Wir werden die Grenzen dichtmachen und die Mauern hochziehen, das Mittelmeer patrouillieren und die Staaten an unseren Rändern benutzen, um uns die Millionen von Flüchtlingen vom Hals zu halten. Die Türkei gibt den Weg vor. Diese Entwicklung ist nahezu unvermeidlich, denn auch wenn die EU problemlos eine, fünf oder zehn Millionen Flüchtlinge im Jahr aufnehmen kann, so wird sie doch mit 25 oder 50 Millionen ein Problem bekommen, und sei es nur auf politisch-gesellschaftlicher Ebene. Wir haben in Deutschland ja die peinliche Hysterie gesehen, zu der gerade mal eine Million Flüchtlinge geführt haben.

Das Ergebnis
Während sich also die noch funktionierenden Staaten der Welt abschotten, wird auch die Ära der billigen Ressourcen zu Ende gehen. Diese Entwicklung ist begrüßenswert, denn der ungehemmte Verbrauch von Rohstoffen zur Befriedigung nutzloser Bedürfnisse eines sehr kleinen Teils der Weltbevölkerung ist schon immer eine der großen Ungerechtigkeiten der Menschheitsgeschichte. Leider jedoch bedeutet diese Entwicklung auch, das wir das Zeitfenster, in dem diese Zustände mit relativ geringem Aufwand reparabel gewesen wären, verpasst haben. Nun wird es mit jedem Jahr des Nichthandelns lediglich exponentiell wachsend teurer werden, bis die anstehenden Herausforderungen und Problem irgendwann unsere Möglichkeiten überwältigen werden, mit ihnen zurechtzukommen. Es wird keine Apokalypse geben, sondern uns einfach graduell immer stärker an den Rand drängen (vielleicht ist die erste halbe Stunde von Interstellar eine ganz gute Veranschaulichung dessen).

All das hier soll nicht ausschließlich pessimistisch klingen. Im globalen Zusammenhang sieht es danach aus, als läuft es am Ende auf eine Art Wettrennen zwischen unserem technologischen und zivilisatorischen Fortschritt auf der einen und einem ungemütlicher werdenden Planeten auf der anderen Seite hinaus. Der Ausgang dieses Wettrennens ist absolut offen und hängt lediglich von unserem gesellschaftlichen und politischen Willen ab, damit umzugehen. Die größte Herausforderung dabei ist eben, dass wir politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktionen global koordinieren und durchsetzen müssen. Und der mühselige Prozess der Klimakonferenzen und das Defektieren all derer, die jegliche verbindlichen Maßnahmen vermeiden wollen, zeigt, wie schwer das ist. 

Montag, 20. März 2017

Über Trump brauchen wir uns nicht zu wundern

Die Trump-Administration hat Fahrt aufgenommen und geht mit schnellen Schritten den Umbau (bzw. aus europäischer Sicht die Demontage) des Amerikas an, das wir seit der Nachwendezeit kennen. Während des gesamten Wahlkampfes habe ich es nicht für möglich gehalten, dass dieser Mann gegen eine so kluge, erfahrene, dezente und weitgehend integere Person wie Hillary Clinton gewinnen kann. Mir schien eher ein 65:35-Ergebnis zu Clintons Gunsten denkbar. Ich habe mich getäuscht - in Amerika sind ganz offenbar sehr viele Menschen sehr angepisst vom politischen Establishment. Trump ist schließlich weniger ein republikanischer Kandidat, als vielmehr ein Ursupator der Partei, die sich jetzt wohl oder übel mit ihm abfinden muss. Trump steht für die meisten seiner Wähler für eine Art Anti-Establishment.

Mit ein wenig Rückblick sollte uns seine Wahl nicht unbedingt wundern: Trump verspricht, Jobs nach Amerika zurückzuholen, den Menschen eine wie auch immer geartete Freiheit und Größe zurückzugeben und all die anderen Länder für Amerikas Dienste bezahlen zu lassen. Das kommt natürlich gut an, wenn man das Gefühl hat, ausgenutzt zu werden. Lassen wir mal die Frage beiseite, ob Amerika tatsächlich ausgenutzt wird und zu viel für andere Länder tut. Sie ist ohnehin unmöglich zu beantworten. Widmen wir uns der Frage, warum so viele Menschen Trump wählten. Er gewann im Süden und den meisten Flyover-States in der Mitte des Landes. Das sind die Staaten, die von den meisten technologischen Revolutionen und dem Aufstieg der digitalen Ökonomie der letzten 20 Jahre zurückgelassen worden sind, in denen die Industrialisierung zurückgeht, die starke Ölwirtschaft und die Landwirtschaft bedroht ist, die Arbeitslosigkeit höher als im Landesschnitt ist und weniger Geld für den sozialen Ausgleich durch die öffentliche Hand zur Verfügung steht. Diesen Staaten geht es, im Gegensatz zu den großen Küstenstaaten, nicht besonders gut.

Auch hat sich die inzwischen weitgehend globalisierte Marktwirtschaft durch Freihandelsabkommen und den Rückzug der Staaten aus Regulierung und Protektionismus weltweit weitgehend zu Tode gesiegt. Egal ob das tatsächlich so ist oder nicht - es braucht kaum wundern, wenn das Pendel nun nach 25 Jahren Freihandel in die andere Richtung schwingt und eine Gegenbewegung heranwächst, die sich vom Freihandel und der Marktwirtschaft zurückgelassen und ausgebeutet fühlt. Wenn Großkonzerne wegen der Kosten Jobs ins billigere Ausland verlagern und gleichzeitig ihren weitgehend mittelmäßigen Führungskräften Millionen und Abermillionen an Boni und Abfindungen hinterherwerfen, ganz egal wie diese ihren Job machen, wundert es auch kaum, wenn die eher mittelprächtig bezahlten Arbeiter und Angestellten nur noch Verachtung übrig haben. Die großen Skandale der letzten Jahre (VW, Deutsche Bank, McKinsey, Roland Berger, Lufthansa, Apple, Goldman Sachs, NordLB, JP Morgan oder schlicht Uli Hoeneß uvm.) haben das Vertrauen großer Bevölkerungsschichten in die wirtschaftliche Elite völlig erodiert, egal ob in Europa oder Amerika. Das aus dieser Verachtung Hass auf die Eliten erwächst, wenn man selbst nur wenig hat, ist nachvollziehbar.

Wenn dann nun einer daherkommt und verspricht, aufzuräumen, "to drain the swamp", ist es verständlich, wenn ihm die enttäuschten Massen folgen - ganz egal ob er selbst Teil dieses Establishments ist oder nicht. Trump wird keine der Hoffnungen der Enttäuschten erfüllen wollen, weil er selbst zu denen gehört, die vom etablierten System profitieren. Er ist so sehr Establishment, wie man nur sein kann. Aber als Wahlkämpfer hat er sehr viel richtig gemacht - auch wenn es natürlich eine Enttäuschung ist, dass sich so viele Menschen so sehr belügen lassen. Er hat auf dem Estalbishment herumgehauen wie keiner zweiter, und das kam gut an.

Die Frustration des liberalen Establishments der westlichen Demokratien über den Aufstieg der Populisten ist berechtigt. Schließlich geht es den meisten dieser Länder so gut wie noch nie. Andererseits hat in all diesen Ländern ein relevanter Anteil der Bevölkerung von diesem Wohlstand nur sehr wenig - und außerdem dieser Länder ein guter Teil der Weltbevölkerung so gut wie gar nichts. Dem Kapitalismus und Liberalismus ist auf seinem globalen Siegeszug in den 90ern und 00er Jahren dummerweise das Gefühl dafür abhanden gekommen, das stabile Gesellschaften auch ausgeglichene Gesellschaften sein müssen. Und Amerika befindet sich sich Jahrzehnten auf dem Weg in ein monströses Ungleichgewicht. Das die beiden großen politischen Parteien kontinuierlich daran scheiterten, hier wirklich Hand anzulegen, bezahlen sie - und das ganze Land - nun sehr teuer.

Samstag, 21. Januar 2017

Besser als Du.

Beim Ansehen der Amtseinführung von Donald Trump habe ich eher auf den scheidenden Präsidenten Obama geachtet, seine Mimik und sein Verhalten. Es war - immer wenn er zu sehen war - tadellos, freundlich, er hat gelacht. Was für ein Gegensatz zu seinem Nachfolger, der bereits in seiner sehr kurzen Rede klarstellte, wo es hingehen würde: America first, Partner unwichtig, grimmiger Blick.

Bei genauerem Überlegen ist es kein Wunder, das Obamas letzter Anruf bei einem ausländischen Staatsoberhaupt Angela Merkel galt. Sie ist zum einen der einzige, wichtige Regierungschef, den er von Anfang an kennt und erlebt hat und der noch im Amt ist (Putin mal ausgenommen und mit dem will man nicht befreundet sein). Es war also eine Geste unter Freunden, soweit das Politikern auf dieser Ebene eben möglich ist und eine Anerkennung unter zwei Menschen, die um die Lasten ihrer Aufgabe wissen. Wichtiger noch scheint mir: beide, Obama und Merkel, sind dezente Menschen und es auch geblieben, trotz der Tatsache, dass sie sich an die Spitzen der Macht vorgearbeitet haben. Sie haben eine zurückhaltende Amtsführung betrieben und nur an den Stellen Führungsstärke gezeigt, wo es darauf ankam. Obama bspw. bei der Jagd nach bin Laden und ACA, Merkel in der Finanz- und der Flüchtlingskrise. Beide denken zuerst nach, bevor sie handeln und sind allgemein der Ansicht, dass Aufgaben von dem erledigt werden sollten, der dafür zuständig ist. Das unterscheidet sie von allen Autokraten und auch von vielen ihrer demokratisch gesinnten Amtskollegen, die sie kommen und gehen sehen haben. Beide sind hoch gebildet und denken komplex statt einfach und haben versucht, in ihrer Amtsführung sachlich und faktisch basiert statt emotionalisiert handeln und sich nicht treiben zu lassen.

Mir ist dadurch auch verständlicher geworden, warum beide heute von einem Teil der Bevölkerung so sehr angefeindet werden. All diejenigen, die heute "Danke Merkel" und "Merkel muss weg" schreien, genauso wie ihre Pendants in den USA, sind sich auf einer unterschwelligen Ebene sehr bewusst, dass sie selbst als Mensch dem Vergleich mit ihren Regierungschef nicht standhalten würden. Sie spüren, dass sie selbst weder zum Führer taugen noch ganz allgemein im Alltag besonders gute Menschen sind. Wie könnten sie das auch: wenn es darauf ankommt, versagen sie: sie weisen den Schutz- und Hilfesuchenden die Tür, sie feinden die Schwachen an und neiden selbst denen, die noch weniger haben, ihren wenigen Besitz. Es sind sehr offenkundig in der Mehrheit die Verbiesterten, die Gemeinen und die Fiesen, die sich bei uns in der AfD oder in den USA bei der Tea Party sammeln.

Unter diesen Anfeindungen zu arbeiten und auch als Mensch zu leben und dabei nicht der Versuchung zu erliegen, mit den Mittel des Amtes explizit gegen diese Gruppen vorzugehen, kann man Obama und Merkel hoch anrechnen. Schließlich haben sie mit Putin, Erdogan, Assad, Duterte und Co. ja genug Beispiele, das man es auch anders machen kann, das man seine Macht egoistisch missbrauchen und für seine Privatzwecke instrumentalisieren kann. Nichts davon war und ist bei Obama und Merkel jemals zu spüren.

Persönlich möchte ich nicht mit Angela Merkel den Platz tauschen. Allmählich muss sie sich ganz schön einsam vorkommen. Keiner der heutigen Regierungschefs der mächtigeren EU-Länder ist als kraftvoll zu bezeichnen oder geht ansatzweise in ihre Richtung bei der Amtsführung. Sie schnattern mehrheitlich einen nationalistischen Ton. Am ehesten ist vielleicht Theresa May auf ihrer Wellenlänge, aber ihr Land hat sich gerade für die eigene Marginalisierung entschieden. Und der wichtigste Partner außerhalb Europas, die Vereinigten Staaten, fällt gerade für mindestens eine Legislatur an eine Person, bei der man nicht abschätzen kann, ob sie nun viel, sehr viel oder irreparabel viel Schaden an dieser Welt anrichten wird. An ihm wird Merkel keine Freude haben und ich bin mir sicher, dass sie sich auch wegen Trump entschieden hat, nochmal zu kandidieren. Ich beneide sie nicht.