Montag, 31. Oktober 2011

Holt euch die D-Mark wieder... und geht pleite

Im Fernsehen sind zur Zeit Reportagen beliebt, in denen auf dem Euro, der Währungsunion im Allgemeinen, den Griechen im Besonderen herumgetrampelt wird und mit tendenziösen Bildmontagen und Berichterstattungen gearbeitet wird. Es folgen gern "Befragungen" des "mündigen Bürgers", in denen der Tenor vorherrscht, man wolle die D-Mark wiederhaben und früher wäre ohnehin alles besser gewesen. Man merkt dann, wie viel wirtschaftspolitische Unkenntnis in den deutschen Medien vorherrscht und wie sehr es doch an ebensolchem Sachverstand mangelt.

Denn es gibt für die deutsche Volkswirtschaft keine größere ökonomische Massenvernichtungswaffe als die Rückkehr zur Deutschen Mark. Um das deutlich zu machen, exerzieren wir eine solche Idee einmal durch:

Im Januar 2012 verkündet die Bunderegierung, aus dem Euro auszusteigen und die Deutsche Mark einzuführen. Prompt steigen die Zinsen für neue Staatsanleihen aller Euroländer außer Deutschland, natürlich. Dessen Zinsen fallen zunächst ins Bodenlose, weil es der einzige noch sichere Hafen zu sein scheint. In Folge der Kreditverknappung für Italien, Spanien, Frankreich und andere Länder werden deren ökonomische Schwierigkeiten größer, die Staatshaushalte schwerer mit Krediten zu versorgen. Die Staaten müssen also stärker sparen und geben daher weniger aus. Ihre Wirtschaften kommen ins Trudeln - und kaufen daher sofort weniger deutsche Exportprodukte, die inzwischen die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Das eigentlich angedachte Wachstum für 2012 reduziert sich prompt von 2 auf 0 Prozent. 


Zur Mitte des Jahres 2012 wird dann der Euro abgeschafft und die Deutsche Mark eingeführt. Sie muss zwangsläufig freien Wechselkursen überlassen werden. Viele Investoren und Banken, die ihre Währungsreserven in den letzten zehn Jahren in Euro angelegt haben, tauschen ihre Gelder nun in Mark um - denn der Rest-Euro ist ihnen natürlich nicht sicher genug. Problematisch daran ist jedoch, dass vor der Euro-Einführung in den Neunziger Jahren gerade mal 8% der weltweiten Währungsreserven in Mark angelegt waren, im Euro heute jedoch schon 23% der Währungsreserven liegen. Ein großer Anteil dieser Gelder flüchtet jetzt in die sichere Deutsche Mark und treiben deren Wechselkurs gegenüber dem Rest-Euro und dem Dollar in ungeahnte Höhen. Bekam man früher für 1,5 Mark einen Dollar, bekommt man heute einen Dollar für eine Mark. Der Wechselkurs Mark zu Euro wird ebenfalls in die Höhe schnellen: statt ungefähr 2:1 werden es eher 1,5:1 werden.


Als Folge davon werden deutsche Exporte in die Eurozone, Dollarländer und nach Asien, die oft ebenfalls in Dollar abrechnen sofort teurer. Hat eine S-Klasse von Daimler in New York im Frühjahr 2012 noch 60.000 Dollar gekostet, sind es im Herbst schon 80.000 Dollar, denn die teure Deutsche Mark macht alle Exporte für die Kunden im Ausland teurer. So geht es nicht nur den Autos, sondern auch Zügen, Kränen, Druckmaschinen, Baumaschinen, Medizintechnik, Dienstleistungen und allen anderen Exporten. Für die bisher erfolgreichen deutschen Lieferanten springen nun die Euroländer in die Bresche, denn ihre Exporte werden plötzlich im Vergleich zu Deutschland günstig. Da der Rest-Euro im Wert gegenüber Dollar und Mark abgewertet hat, sind Frankreich, Spanien, Italien plötzlich billige Hersteller geworden und jagen den Deutschen reihenweise Exportmärkte in aller Welt ab.


Deutschlands Wirtschaft gerät währenddessen in die Rezession und schrumpft bis Mitte 2013 um 5 bis 10 Prozent. Da sich deutsche Autos zunehmend schlechter auf den Weltmärkten verkaufen, entlassen Daimler, BMW, VW und Opel zehntausende von Mitarbeitern oder schicken sie in Kurzarbeit. Ebenso halten es hunderte von großen und mittelständischen deutschen Exportweltmeistern, die ihre Güter nicht mehr bei ihren bisherigen Auslandskunden loswerden.  Die Arbeitslosenzahlen steigen schnell auf 3,5 Millionen und bis Mitte 2013 auf 4 Millionen und weiter. Währenddessen floriert die Wirtschaft in der restlichen Eurozone, da sich Deutschland auf dem Weltmarkt dank seiner starken Währung erstmal aus dem Spiel genommen hat. Vom jährlichen Aussenhandelsüberschuss von über 150 Milliarden Euro jährlich, die uns die starke Exportwirtschaft in die inländischen Kassen gespült hat, ist kaum noch etwas übrig geblieben. Erst nach Jahren des Übergangs und der wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen taucht Deutschland nach schmerzhaften Lohnsenkungsrunden wieder aus dem Tal der Depression wieder auf. 

Das sieht düster aus? Richtig, und genau dieses Szenario wird uns ereilen, wenn wir dem weinerlichen Gejammer nach der "guten alten Mark" nachgeben und wieder eine nationale Währung einführen. Der Euro hat uns seit zehn Jahren eine praktische nicht mehr vorhandene Inflation beschert, er hat unsere Exportwirtschaft durch einen günstigen Eurokurs auf Kosten der anderen Euroländer gestärkt und sorgt für niedrigste Zinsen für deutsche Staatsanleihen, was unsere Staatskassen entlastet. Jetzt ist es an Deutschland, sich dafür bei den anderen Euroländern zu revanchieren und seinen Teil zur Bewältigung der Krise mit ein paar Milliarden beizutragen. Abgesehen davon, dass es in unserem eigenen Interesse liegt, ist es auch fair und richtig, das zu tun.