Samstag, 24. April 2010

Den Balken im Auge haben

Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht.
So klug war man schon vor 2000 Jahren. Und seither hat sich der Mensch in manchem nicht so sehr geändert. Denn ein Lieblingssport unserer Mitmenschen ist nach wie vor die Anklage des anderen. Wir fühlen uns immer noch schnell bemüßigt, dieses und jenes anzuklagen, wo wir Ungerechtigkeit, Mißwirtschaft oder Korruption wittern.

Interessant ist, dass dieses Anklagen eigentlich immer nur eine Richtung geht: von unten nach oben. Es sieht ein wenig nach Arbeitsteilung aus: von oben kommen Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, wie das Gemeinschaftsleben zu organisieren ist. Von unten kommt strenge Kritik, wie sich alle anderen, aber vor allem "die da oben" daran zu halten hätten.

Womit der deutsche Durchschnittsbürger jeglicher Couleur dagegen nicht konfrontiert werden will, ist die eigene moralische Unzulänglichkeit - oder auch Unfähigkeit. Denn dort machen Eltern machen immer alles richtig, die Schule immer alles falsch, insbesondere wenn es um den eigenen, doch so begabten Sprößling geht. Autofahrer, die mit 180 km/h in der 100er-Zone fahren, haben immer einen verdammt guten Grund dafür und sind ohnehin begnadete Fahrer, weswegen diese Regeln ja für sie eigentlich doch nicht so recht gelten. Die kontrollierenden Verkehrspolizisten sind dagegen eher bewaffnete Raubritter. Der Handwerker hinterzieht selbstverständlich bei Einkommensteuererklärung und arbeitet 40% seiner Zeit schwarz, weil der Staat einen ja ohnehin auspresst. Wenn dann jedoch die Sozialleisten angetastet werden sollen, ist das quasi wie ein Attentat auf jeden einzelnen Leistungsempfänger. Natürlich ist es für die modebewusste Sandy völlig ok, ihre schicken Klamotten beim Billigdiscounter zu kaufen, obwohl sie weiß, dass die Kleidung von Kindern in Bangladesh in 12-Stunden-Arbeitstagen zu Löhnen hergestellt werden, die einfach auf Ausbeutung beruhen. Das bringt sie aber problemlos mit ihrem energischen Eintreten für mehr Gerechtigkeit im Welthandel bei Attac in Einklang. Und natürlich moralisiert sie mit ihren Freunden beim Abendessen darüber, dass sich die Unternehmer die Taschen vollstopfen und ihre Arbeitnehmer nicht ordentlich bezahlen.

Das Maß an kognitiver Dissonanz, welches viele Menschen bereit sind an den Tag zu legen, ist erstaunlich. Das Auseinanderklaffen zwischen individueller Lebensart und dem Anspruch an die kollektive Lebensordnung ist teilweise enorm. Besonders die politische Linke hat seit jeher probemlos mit der moralischen Keule argumentiert, aber persönlich nicht unbedingt nach den Maßstäben gelebt, die sie an andere gestellt hat. Die Frechheit, mit der Teile der Gesellschaft persönlich Regeln brechen, deren Einhalten sie von anderen Gesellschaftsteilen, insbesondere den politisch Tätigen einfordert, kann einen eigentlich nur betroffen, manchmal aber auch wütend machen.

Denn selbstverständlich ist es nicht recht und billig, von anderen einzufordern, was man selbst nicht umsetzt. Auch nicht von Politikern. Jeder Bürger kann nur das fordern, was er selbst ebenso umsetzt. Es ist dreist, von Trägern öffentlicher Ämter höhere Maßstäbe an die persönliche (und auch berufliche) Lebensführung zu fordern, als von sich selbst. Und wie sollte das auch gehen, sind doch alle politischen Kräfte auch nur Teil der Gesellschaft, Bürger wie alle anderen.

Das Fazit ist: man kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die man selbst nicht einhält. So einfach kann Wahrheit sein.