Montag, 26. April 2010

Vor dem Ende der Erwerbsgesellschaft

Die Entwicklung der Erosion der Erwerbsgesellschaft läuft schon seit mehreren Jahrzehnten: die Erwerbsgesellschaft der hochentwickelten Staaten dieser Welt wird in ihren Ausprägungen zunehmend instabiler. Eigentlich ist das eine Gelegenheit, unser gesellschaftliches Modell, dass eine weitgehend lebenslange Arbeit zum Verdienen des eigenen Unterhalts erfordert, zu überdenken. Es bietet uns die Möglichkeit zu überlegen, wo es denn danach hingehen könnte. Und es ist ja auch nicht so, als dass darüber nicht schon seit ein paar Jahren nachgedacht würde.

Tatsache ist: in den hochentwickelten Staaten arbeiten wir insgesamt immer weniger an Arbeitszeit. Um 2003 herum waren es im Durchschnitt 1443 Stunden im Jahr, im 1970 waren es noch 1956 Stunden an durchschnittlicher jährlicher Arbeitszeit (und kurz nach dem Krieg über 2.100). Das bedeutet nicht weniger als 26,23% mehr Freizeit in rund 20 Jahren für jeden. War um 1950 herum die 55 Stunden-Woche noch gang und gäbe, so ist es heute die 38-bis-42-Stunden-Woche. Andererseits gibt es auch durchaus Ungleichgewichte in der Verteilung der Arbeitszeit: während im Hochlohn- und leistungssektor seit jeher und immer noch 70-Stunden-Wochen keine Seltenheit sind, gibt es immer mehr Teilzeitstellen, während die Anzahl an Vollzeitstellen tendenziell sinkt. Das kann man als Ausdruck einer flexibleren Arbeitswelt werten, in welcher die individuellen Wünsche des Einzelnen stärker berücksichtigt werden können. Man kann es aber auch als Aufspaltung von Vollzeitstellen in Minijobs sehen, womit ebenso eine zunehmende Unsicherheit der Arbeitnehmer einhergeht. Die Wahrheit wird wie so oft dazwischenliegen. Mit mehr Flexibilität geht eben auch ein weniger an Unsicherheit einher.

Deutlich wird: das deutsche Zivilisationsmodell der Vollerwerbsgesellschaft wird sich wohl eher nicht in die zweite Hälfte des 21sten Jahrhunderts retten. Das Interessante daran ist: neu ist die Entwicklung nicht, denn es gab genug Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte, die anders aufgebaut waren. Wir werden uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass unsere Gesellschaft und Wirtschaft nicht für jeden Mitmenschen eine bezahlte Arbeit bereitstellen werden. Zum einen liegt das an immer höheren Automatisierungsprozessen in unserem Wirtschaftsleben. Insbesondere einfache und sich stets wiederholende Tätigkeiten werden zunehmend durch Maschinen erledigt und deren Anteil an der Arbeit wird weiter steigen. Im Gegenzug steigt der Anteil und die Zahl der mittel- und höher qualifizierten Tätigkeiten, jedoch absolut in Arbeitsplätzen nicht so schnell, wie Arbeit in den einfachen Bereichen wegfällt. Und schließlich wird es immer mehr Menschen geben, für die es einfach keine passende Arbeit gibt, weil sie sich nicht höher qualifzieren können und insbesondere nicht so hoch wie nötig. Das bedeutet nichts weiter, als dass es nicht für alle bezahlte Arbeit geben wird und der Anteil derjenigen ohne bezahlte Arbeit in unserer Gesellschaft zunehmen wird. Das ist eine harte, aber reale Entwicklung.

Anstatt nun jedoch zu wehklagen, das unser jetziges Ideologiemodell nicht mehr auf die Realität passt, sollten wir vielmehr hergehen und unsere Denkweise anpassen: wir sollten denjenigen, die keine von der Wirtschaft bezahlte Arbeit erhalten, andere, sinnvolle und nützliche Tätigkeiten anbieten. Das kann der Staat selbst tun. Er kann allerdings auch Organisationen unterstützen, welche dies in seinem Auftrag tun, denn oft haben Graswurzelorganisationen, die vor Ort in kleinen Bereichen tätig sind, viel bessere Einblicke darin, was nützlich ist und was nicht. Anstatt die Menschen in Form von Arbeitslosengeld fürs Nichtstun zu bezahlen, können wir hergehen und sie dafür bezahlen, dass sie etwas nützliches tun - das ist sowohl in ihrem eigenen Sinne, als auch im Sinne derer, welche die Steuermittel dafür aufbringen.

Im Prinzip verfügt unser Land bereits über alle nötigen Instrumente, um ein entsprechendes Konzept umzusetzen, wir müssten diese lediglich präziser einsetzen. Denn staatlich geförderte Bildungseinrichtungen, Vereine mit quasi-öffentlichen Aufgaben, Hilfswerke und ähnliche Organisationen gibt es zuhauf. Es handelt sich also mehr um ein Umdenken im Kopf, als um einen tatsächlichen Umbau der Gesellschaft. Bereits heute arbeiten ein paar Millionen Menschen in Deutschland nicht mehr im ersten Arbeitsmarkt oder beim Staat selbst, sondern in anderen Arbeitswelten, die durch Steuermittel finanziert werden. Sie tun dies jedoch eher versteckt. Diese Arbeit und Arbeitsweisen aus ihrem teils auch selbstgewählten Schattenreich ins Licht der ökonomischen und gesellschaftlichen Betrachtung und Akzeptanz zu rücken, ist längst an der Zeit.