Montag, 17. Mai 2010

Wir können es uns leisten - aber sollten wir es?

Ein paar Zahlen vorweg: das Weltprodukt, also der Wert der von der Welt im wirtschaftlichen Sinne produzierten Güter betrug im Jahr 2009 fast 60 Billionen Dollar. Die Europäische Union hat daran einen Anteil von fast 16,5 Billionen, die USA rund 14 Billionen. Deutschland allein hat ein Bruttoinlandsprodukt von 3,3 Billionen Dollar. Die drei nächst größeren EU-Staaten Frankreich, Großbritannien und Italien tragen 2,6 Billionen und je 2,1 Billionen bei. Die wirtschaftlich vier größten EU-Länder erwirtschaften also allein bereits 10 Billionen Dollar, was einem Sechstel, also 16,6% der Welt entspricht.

Nun zur Griechenland: 330 Milliarden Dollar Bruttoinlandsprodukt, das sind 2% des Europäischen Inlandsproduktes oder 0,0055% der Welt (oder auch fast soviel wie das von Baden-Württemberg ;-) ) Es at einen Schuldenstand von rund 660 Milliarden Dollar, das entspricht 120% des griechischen BIP (oder 0,004% des Weltproduktes). Lustigerweise hat Italien ziemlich dasselbe Verhältnis, nämlich 115% - es trägt aber mehr als 12% zum Europäischen Inlandsprodukt bei (bzw. 0,035% des Weltproduktes, also sechsmal bzw. zehnmal so viel wie Griechland). Seine Schulden sind also für unsere Wirtschafts- und Währungsunion viel bedeutsamer als die - mit Verlaub - paar läppischen griechischen Schulden. Andere europäischen Staaten, die für die Stabilität unserer Währung ebenfalls wichtiger sind als Griechenland, stehen ebenfalls nicht besonders gut da. 

Warum also die Aufregung über die griechischen Schulden? Denn schließlich verfährt das Land ja - wie die meisten Eurostaaten - bereits seit vielen Jahren so und dass es sich immer weiter mit Staatsanleihen neu verschuldet, um davon alte zu bedienen, war allen gut bekannt. Die Ursache für den plötzlichen Absturz ist ein klares Rudelverhalten der Finanzmärkte. Es geht im Finanzsektor, der Staatsanleihen kauft, Kredite umschuldet, Zertifikate auflegt und Fonds verkauft viel weniger um Wirtschaft als viel mehr um Psychologie und Herdentrieb. Wenn sich ein, zwei große Player in Bewegung setzen, folgen viele weitere und in der Summe geht es dann schnell um gigantische Summen. Nur um diesen Herdentrieb zu stoppen, haben die Euroländer gemeinsam mit dem IWF beschlossen, Griechenland Bürgschaften für die Kredite zu gewähren, welche es jetzt aufnehmen muss, um davon wie üblich die alten zu bedienen. 

Ob das klug war? Nicht unbedingt, denn letztlich hätte man das Land auch pleite gehen lassen können. Dann wäre den Gläubigern ein guter Teil ihrer Kredite gestrichen worden und Griechenland hätte auf Jahre hinaus kaum am internationalen Finanzmarkt teilnehmen können - weil es für seine Anleihen keine Käufer gefunden hätte. Wäre das wirklich so schlimm gewesen? Hätte das nicht eine Möglichkeit sein können, um den Griechen zwangsweise Haushaltsdisziplin beizubringen? Wer keine Kredite aufnehmen kann, um seinen Lebensstil zu finanzieren, wird von selbst bescheidener werden müssen. Das wäre für Griechenland und den Euro nicht die schlechteste Option gewesen. Um sie zu wählen, hätte es aber den Mut gebraucht, sie auch von Anfang bis zum Ende durchzuziehen, bei aller Unpopularität. Diesen Mut hatten die Euroländer nicht. Stattdessen haben sie haben sich für die leichtere Möglichkeit entschieden - und es Griechenland ermöglicht, zwar mit harten Maßnahmen, aber dennoch im Wesentlichen ohne echte Übernahme der Verantwortung für die eigenen Probleme davonzukommen.

Der entscheidende Punkt ist, dass Griechland gar kein großer Player in diesem Spiel ist. Zu recht kann man sagen: die paar Milliarden Bürgschaften tun keinem der großen Euroländer weh, Deutschland schon gar nicht. Wir können es uns einfach leisten, denn wer der Hypo Real Estate 100 Milliarden Euro an bar zu leistenden Krediten gibt, hat auch 20 Milliarden an Bürgschaften für Griechenland übrig. Das Dumme ist nur: die nächsten Problemländer stehen schon auf dem Plan. Spanien, Portugal und - schlimmer noch - Italien gehören dazu. Sie repräsentieren viel mehr Wirtschaftskraft und viel mehr Schulden in absoluter Höhe. Wenn sich die Spekulanten gegen den Euro - wie nun eindrucksvoll demonstriert - darauf verlassen können, dass die Währungsunion für ihre Schuldensünder einsteht und diese auf jeden Fall herauskauft, werden Spekulanten dies in ihre Spekulationsstrategien mit einbeziehen und davon profitieren können. Bezahlen werden die Eurostaaten dies mit Steuergeldern, weil die einzelnen Länder durch dieses Versprechen noch weniger Ansporn haben, ihre Haushalte zu disziplinieren. Wieder einmal hat sich gezeigt, mit wie wenig finanzpolitischem und wirtschaftlichem Sachverstand auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene gearbeitet wird. Die nächste Krise wartet schon und sie bekommt bestimmt früher als später... 2010 ist noch lang genug.