Donnerstag, 20. Mai 2010

Billiger Euro, teures Öl und warum Panik völlig unangebracht ist.

Der Euro wird gegenüber dem Dollar momentan immer günstiger. Inzwischen zahlt man noch rund 1,22 Dollar für einen Euro. Vor ein paar Monaten waren es meist zwischen 1,40 und 1,50 Dollar. In den Medien und Teilen der politischen Landschaft scheint dies ein ungeheur großes Problem darzustellen und die Eurozone kurz vor dem Bankrott zu stehen. Es stellt sich jedoch die Frage, warum der Wechselkurs so ein Problem darstellt. Denn ein schwächerer Euro hat durchaus seine Reize und ich will dies anhand von drei Argumenten erläutern.

Zum Ersten: wenn der Euro gegenüber dem Dollar abwertet (übrigens auch gegenüber dem chinesischen Renminbi, was echt witzig ist, aber dazu später), verteuern sich für die Eurozone die Importe, welche in Dollar und den an ihn gekoppelten Währungen abgerechnet werden. Der wichtigste solcher Importartikel nach Europa ist - wen wundert's - das gute alte Öl. Wichtiger im Import/Export-Zusammenhang ist jedoch, dass gerade Deutschland deutlich mehr exportiert als importiert. Der Saldo unserer Leistungsbilanz (das Aussenhandelsergebnis) liegt in den letzten Jahren immer irgendwo zwischen 110 Mrd. und 160 Mrd. Euro. D.h. für diesen Betrag verkaufen wir mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland, als wir von dort wiederum einkaufen. Der größte Teil dieses Aussenhandelsüberschusses wird zwar in Euro abgewickelt, weil EU-Staaten unsere wichtigsten Handelspartner sind, danach kommt aber gleich der Dollar. Und - jetzt wird es spannend - wenn nun Handelspartner, die in Dollar zahlen müssen oder wollen, weniger von den hübschen grünen Dollar für die gewünschten deutschen Güter hinlegen müssen, weil der Dollar gegenüber dem Euro stärker geworden ist, so werden diese Euro-Waren für die Käufer billiger. Na, das ist doch super und wahrlich kein Grund zum Trübsal-Blasen für die deutsche Wirtschaft. Denn je günstiger unsere Waren im Euro-Ausland werden, desto konkurrenzfähiger werden sie. Natürlich müssen wir für Waren, die wir in Dollar kaufen (wie bspw. Öl), jetzt mehr Euros hinlegen, um dieselbe Menge zu erwerben. Aber der Clou ist: durch den Aussenhandelsüberschuss ist unser zusätzlicher Gewinn beim Export höher als der zusätzliche Verlust beim Import.  Ein schwächerer Euro ist ein Erfolgsrezept für eine boomende Wirtschaft - etwas, das uns China seit ein paar Jahrzehnten problemlos mit seiner eigenen Währung vormacht und das einen guten Anteil am chinesischen Boom hat. Ein weiteres, feines Detail schlägt zusätzlich zu unseren Gunsten aus: gerade diejenigen deutschen Unternehmen, welche viele Einkäufe in Dollar tätigen, sichern sich meist auf ein bis zwei Jahre im Voraus gegenüber Wechselkursschwankungen ab, indem sie bspw. Dollarreserven anlegen oder mit Finanzprodukten Kursschwankungen aufheben. Das bedeutet: auch ein ein fallender Euro trifft uns zunächst mal nicht sehr.

Zum Zweiten: je mehr Dollar wir für den so wichtigen Artikel "Öl" auf den Tisch legen müssen, desto teurer wird der Ölpreis und desto teurer wird also Benzin. Jetzt ist teures Benzin zwar typischerweise das Beste, was dem deutschen Gossenboulevard passieren kann, aber es wird langfristige seine gesamtwirtschaftlichen Vorteile haben. Denn die letzten 20 Jahre haben uns leider eindrucksvoll demonstriert, dass die deutsche Automobilwirtschaft zum einen zu faul, zum zweiten zu fixiert auf Verbrennungsmotoren und zum dritten geistig zu unbeweglich ist, um sich endlich mit der nötigen Massivität und Ernsthaftigkeit dem Thema Elektromotoren im Masseneinsatz zu widmen. In der Zwischenzeit werden seit einigen Jahren in China und Indien Abermilliarden an staatlichen Geldern eingesetzt und Abertausende an Ingenieuren ausgebildet, die sich nur mit diesem Thema beschäftigen. Während also der uneinholbare Vorsprung der europäischen Automobilindustrie im Bereich des Verbrennungsmotors aufgrund des absehbaren Endes der Verfügbarkeit von Öl zunehmend irrelevanter wird, sieht es beim Motor der Zukunft, dem Elektromotor, ganz anders aus. In wenigen Jahren werden wir hier uneinholbar hinten liegen (und allle europäischen Aktivitäten in diesem Bereich der letzten zehn Jahre lassen nur vermuten, dass es so kommen wird). Man sollte auch nicht hoffen oder annehmen, man könne das Know-How der Asiaten in einigen Jahren einfach erwerben oder übernehmen, denn gerade China wird es nicht hergeben, sondern im Zweifelsfall einfach verstaatlichen. Sprich: entsprechende Unternehmen stehen für Ausländer nicht zum Verkauf. In Sachen Protektionismus haben alle gut von EU und USA gelernt.

Wenn jedoch Öl endlich teuer genug würde, dass es sich nicht länger lohnte, diesen immer knapper werdenden Rohstoff zu verfeuern statt für sinnvolles zu nutzen, wird auch die deutsche Automobilindustrie die Zeichen der Zeit nicht nur verbal, sondern auch mit Taten erkennen. Und sie wird es tun müssen, denn ansonsten hätten wir in 20 Jahren nur eine weitere, zusammengeschrumpfte Industrie, in der wir einmal weltweit führend waren und dann abgehängt worden sind. Wenn man sich vor Augen führt, dass der Automobilsektor samt aller Zulieferer in Deutschland rund 15% der gesamtwirtschaftlichen Aktivität ausmacht, wird schnell deutlich, dass es für uns wichtig ist, hier auch weltweit führend zu bleiben.

Zum Dritten: die Euroländer haben - und das ist das wirklich absurd lustige daran - zur Stützung des Euro-Dollar-Kurses doch tatsächlich die Gelddruckmaschine angeworfen, indem sie die formell unabhängige Europäische Zentralbank genötigt haben, Staatsanleihen zu kaufen. Um das zu erklären: wenn Lieschen Müller oder Herr Feinbein oder die Deutsche Bank Staatsanleihen kauft, ist das ein ordentliches Geschäft. Lieschen legt 100.000 Euro hin und bekommt ein Stück Papier, auf dem steht "Ich bin 100.000 Euro wert und Du bekommst für mich jedes Jahr 5% Zinsen". Da Staaten selten pleite gehen, ist das Risiko für Lieschen gering und der Gewinn beträgt 5.000 Euro jährlich (abzüglich Inflation, aber was solls). Wenn jedoch die EZB Staatsanleihen kauft, dann - und das ist der Clou - EMITTIERT sie neues, frisches Geld, das bisher noch nicht existiert hat. Und wenn sich die Geldmenge einer Wirtschaft erhöht, ohne das dieser Erhöhung ein Mehr an produzierten Gütern und Dienstleistungen gegenübersteht passiert etwas, dass jeder Volkswirt im dritten Semester an der Uni lernt: der Wechselkurs gegenüber anderen Währungen sinkt und es ensteht Inflation, weil mehr Geld bei gleichbleibendem Güterangebot logischerweise weniger wert ist*. Witzig daran ist, dass die Maßnahme getroffen wurde, um den Wechselkurs zu stabilisieren. Und das kann nicht funktionieren - was wieder einmal zeigt, wie wenig volkswirtschaftlicher Sachverstand auf Regierungsebenen existiert. Es ist zum Heulen...

Die Schlußfolgerung: es ist insgesamt kein Drama, wenn der Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar ein wenig mehr Richtung Parität geht. Zwar stehen die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und finanzpolitisch schlechter da, als die Europäische Union, womit eine Wechselkursparität, d.h. ein Kurs von 1:1 nicht gerechtfertigt wäre. Dennoch ist auch ein Wechselkurs von irgendwo zwischen 1,10 bis 1,35 Dollar pro Euro angemessen und gerechtfertigt. Panik erscheint bei einem Kurs von 1,22 völlig unangemessen und ebenso sind es hektische Maßnahmen. Der Markt funktioniert gut, es ist nicht nötig, hier zu intervenieren. Wenn, dann geschieht es aus Gründen der Politik, nicht der Währung oder Wirtschaft.



* Hier ein bisschen Theorie: wenn die Geldmenge einer Wirtschaft 100 Euro umfasst und dieser Menge steht ein Warenangebot von 100 gleichwertigen Gütern entgegen, kann mit jedem Euro ein Gut gekauft werden. Das Tauschverhältnis beträgt sozusagen 1:1 im Ausgangsjahr. Im nächsten Jahr umfasst das Warenangebot immer noch 100 Güter, weil die Wirtschaft nicht gewachsen ist. Die Geldmenge ist aufgrund von politischem Druck jedoch auf 110 Euro gewachsen. Jetzt stehen 110 Euro 100 Gütern gegenüber, das Tauschverhältnis beträgt nun also 1,1 Euro für 1 Gut. Das nennt man Inflation und sie geschieht, wenn die Geldmenge schneller wächst als das Warenangebot. Auch für den Wechselkurs gilt das, denn es stehen nun mehr Euros einer gleichgebliebenen Menge an bspw. Dollar gegenüber, d.h. man kann für gleichviel Dollar nun mehr Euros erhalten (das ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt, aber so ist es verständlich).