Freitag, 20. August 2010

Ehrenvoll, aber nicht nützlich...

... ist in meinen Augen das Projekt, welches sich ein Kreis von Magdeburger Bürgern und Amtsträgern zum Ziel gesetzt hat. Dabei geht es um den Wiederaufbau der so sogenannten Ulrichskirche in der Magdeburger Stadtmitte. Prinzipiell stehe ich einem derartigen Engagement stets sehr positiv gegenüber. Auch wenn ich vielleicht persönlich nichts mit einem Gebäude, das wie eine Kirche aussieht, aber nicht unbedingt eine sein wird, anfangen kann, so mag das noch nichts heißen. Ich kann auch mit der Pferderennbahn nichts anfangen, aber sie hat gewiss ihre Berechtigung. Prinzipiell geht es immer darum, das Engagement begrüßenswert ist, Initative lobenswert und das ich das Recht eines jeden Bürgers, sich zu beteiligen, stets verteidigen und nicht beschränken sollte. Auch - und natürlich eigentlich gerade dann - wenn mir das spezielle Anliegen im Detail nicht passt.

Und ja, ich bin auch ein Vertreter des städtebaulichen Gedankens, dass eine Stadt in ihrer Mitte verdichtet, bebaut und geschlossen wirken sollte. Breite Allen und weite Parks, große, leere Flächen gehören für mich nicht dahin, denn ich meine, dass eine Stadt in ihrer Mitte lebendig sein muss. Dazu braucht es Menschen. Und die halten sich nun mal nicht auf leeren Flächen auf, die wollen Wohnungen, Cafés, Geschäfte, Behörden, Restaurants, Kinos und so vieles mehr und das alles auf möglichst kleinem Raum. Wer mal das Stadtzentrum von Magdeburg mit dem Zentrum des gleich großen Freiburgs im Breisgau vergleicht, stellt fest: Magdeburgs Zentrum ist bis auf das Allee-Center ziemlich menschenleer, Freiburg ist dagegen dicht befüllt. Der Unterschied? In Magdeburg gibts breite Straßen und viel leeren Raum, in Freiburg dichteste Bebauung ohne Raum. Insofern sollte etwas mehr Bebauung im Zentrum meiner Stadt nicht grundsätzlich schlecht sein.

Dennoch: mit der Vorstellung, im Zentrum Magdeburgs die Summe von irgendwas zwischen 15 und vielleicht 25 Millionen Euro auszugeben, um eine nicht allzuschöne Nicht-Kirche auf einen Platz zu stellen, der sich als grüne Wiese auch ganz gut macht, ist für mich ziemlich absurd. Ich finde, da hat sich das Engagement einfach die falsche Betätigung ausgesucht. Es ist ehrenvoll, aber nicht nützlich. Denn ich meine, dass zu Verantwortung auch gehört, mit seinem Können sinnvolles und nützliches zu unternehmen. Die Ulrichskirche finde ich nicht sinnvoll und auch nicht nützlich.

Ich will auch gar nicht allzu sehr darauf herumreiten, was man mit der geplanten Summe sonst noch so alles anstellen könnte: ein Dutzend Kindergärten für ein Jahrzehnt ordentlich auszustatten oder ein paar Schulen sauber renovieren, mehrere hundert Ausbildungsprojekte für schwierige Jugendliche finanzieren oder halt nur ein paar Denkmäler sanieren, den Dom ordentlich putzen, ein weiteres Freibad eröffnen, die fahrende Bücherei aufstocken oder den Wasserturm in Salbke sanieren. Da wäre viel möglich. Aber das ist eigentlich nicht der Punkt, denn wenn tatsächlich die gesamte Summe privat aufgebracht wird, dann können die Spender ihr Geld natürlich genau dafür verwenden, wofür sie es für richtig halten. Das braucht ihnen niemand vorschreiben, der selbst nichts gibt - wie ich beispielsweise. 

Der Punkt ist eher, dass es mich nervt, dass ein solch überflüssiges Projekt tatsächlich Zulauf findet. Obwohl oder vielleicht gerade deswegen, weil es so hanebüchen ist. Eine langweilige Kirche an einen Ort voller Nichtchristen zu stellen, ist ein Projekt, das mir völlig überflüssig erscheint. Es geht mir auf die Nerven, dass die Befürworter des Projekts barsch all diejenigen abbügeln, welche das nicht so toll finden.

Die Ulrichskirche war nicht besonders hübsch und ihr Wiederaufbau wird sie auch nicht schöner machen. Ihr künftiger Nutzungszweck für Kunstausstellungen, Foren oder als so genannte Citykirche für christliche Zwecke - falls sie doch geweiht werden sollte - ist angesichts von einem Viertel christlicher Bevölkerung in der Stadt doch recht optimistisch. Es darf vermutet werden, dass wir nur eine weitere Art Johanniskirche bekommen, die man für Events nutzen darf. Immerhin gibts für religiöse Dinge ja noch reichlich andere Kirchen und wenn einem das Thema wichtig ist, warum dann nicht den stets recht leeren, aber doch immerhin recht ansehnlichen Dom stärker nutzen?

Auch brauche ich kein Mahnmal, dass mich an die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die absurd dämlichen Verbrechen von Walter Ulbricht erinnert; ich weiß auch so, dass ich so eine Ära nicht mehr brauche (keiner, den ich kenne, sieht das anders). Es würde in dieser Beziehung doch sicher reichen, die erhaltenen Originalteile im jetzigen Park hinzustellen und eine Plakette anzubringen.

Und meine Befürchtung ist, dass irgendwo auf halber Strecke dann eben doch - genauso wie bei der Elbphilharmonie in Hamburg, dem Katastrophenprojekt schlechthin - der Steuerzahler in Form von öffentlichen Mitteln in Anspruch genommen werden muss, weil ansonsten eine halbfertige Bauruine die Stadt die nächsten 20 Jahre begleiten wird. Und wenn es um die Schaffung einer neuen Magdeburger Mitte geht, dann wäre doch vermutlich auch ein Bau nützlicher, den man als Bürger, als Mensch (und nicht als Christ) begreifen und ergreifen und benutzen kann. Meinetwegen könnte das ein offener Ratssaal für den Stadtrat in Form eines antiken Forums oder Theaters sein. Oder ein Bürgerbüro. Oder eine Schule. Oder ein Kunsthaus, ein Kindergarten oder ein Hotel.

Oder auch einfach eine nette, grüne Liegewiese.