Dienstag, 7. September 2010

Wir diskutieren so gern die falschen Themen

Die aktuellen medialen und gesellschaftlichen Aufreger, die mich einfach langweilen, heißen so ungefähr "Thilo S. und die Kopftuchmädchen", "Stuttgart 21" und "Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke". Warum? Beim ersten erledigte sich die Debatte schon von selbst, wenn nur endlich keiner mehr dem halbgaren Zeug zuhören würde. Das zweite Thema ist an Belanglosigkeit für die Zukunft des Landes nicht zu überbieten und der plötzliche Protest ist mehr so eine Art Freizeitsport für zeitreiche Rentner und die typischen Berufsprotestierer, denen ein aktuell opportuneres Thema fehlt. Das dritte Thema war abzusehen und überrascht eigentlich nicht und da keine neuen KKWs gebaut werden endet ihre Ära eben etwas später. Nichtsdestoweniger endet sie und damit könnte man sagen: Schwamm drüber.

Es gibt dagegen Themen, die ich sehr gern diskutiert sähe, weil sie tatsächlich wichtig für die Aussichten unseres Landes sind. Diese lauten beispielsweise "Mehr Zuwanderung für Deutschland", "Komplettneufassung der Steuergesetzgebung" sowie "Datenschutz im 21. Jahrhundert".

Das erste, weil unser paranoides Zuwanderungsgesetz den dringend benötigten Zustrom von Fachkräften nach Deutschland stranguliert hat. In Kombination mit der beklagenswert niedrigen Geburtenrate unsererseits sieht die Zukunft Deutschlands mies aus, um es ohne Umschweife zu sagen: seit diesem Jahr sinkt die Einwohnerzahl unseres Landes und dieser Trend wird uns in wenigen Jahren richtig weh tun. In Ostdeutschland bemerkt der Mittelstand den Fachkräftemangel bereits jetzt. Das ist noch kein landesweites Drama, aber das ist dank der abgewürgten Zuwanderung nur eine Frage der Zeit.

Das zweite Thema ist eine zentrale Herausforderung für alle, die auch in den nächsten Jahrzehnten einen agilen Staat haben wollen. Denn dieser braucht fundierte und kalkulierbare Steuereinnahmen. Die Bürger und Unternehmen brauchen Verlässlichkeit und das Gefühl einer gerechten Besteuerung aller. Beides ist im heutigen System weniger vorhanden und das wird die Unzufriedenheit der Menschen mit unserem Staat weiter erhöhen. Stattdessen haben wir das komplexeste Steuerrecht der Welt, dass die meisten Ausnahmen birgt, Ungerechtigkeiten sondergleichen hervorbringt, dass selbst Steuerberater nicht richtig finden und bei dem man nie weiß, ob man sich auf sicherem Boden bewegt. Gut ist das nicht, eigentlich für niemanden.

Und das dritte Thema wird zu einem der entscheidenden Gradmesser, in welcher Gesellschaft wir leben werden. In einer, die die Rechte ihrer Bürger auch gegen die Begehrlichkeiten vieler staatlicher und unternehmerischer Kräfte schützt - oder dieselben preisgibt. Haben wir eine Gesellschaft, die Vertrauen fördert, weil sich die Bürger von Staat in ihrer Privatsphäre beschützt fühlen oder müssen sie ihm misstrauen und sich vor ihm zu ihrem eigenen Schutz in Acht nehmen?

Klar gibt es noch mehr wichtige Themen, aber die drei genannten sind welche, die ich wirklich gerne diskutiert sähe. Aber sie sind komplex, schwierig zu diskutieren und brauchen viel Zeit und anhaltende Aufmerksamkeit.

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Kommentare:

  1. veto:
    die debatte beim ersten thema wird sich mit absoluter sicherheit nicht erledigen, da dies ein thema ist, welches uns schon lange begleitet und dies dies bestimmt auch weiter begleiten wird.
    als in stuttgart lebender kann ich behaupten, dass man 20 milliarden euro und das wort belanglosigkeit nicht in einem wort benutzen sollte. vielleicht schwimmt ihr ja in magdeburg in geld, aber hier gäbe es genug alternativen, dass geld loszuwerden...
    zum dritten thema gibt es noch ganz viel zu sagen. schon anfang der 80er gab es expertisen, die belegen, dass kernkraftwerke durch alternative energiequellen ersetzt werden können. ich finds ehrlich gesagt zum kotzen, wie unverantwortlich die politiker mit der erde umgehen. aber da sieht man, wer tatsächlich die welt regiert...
    grüßle jan

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  2. Hallo Jan,
    a) ja, vermutlich wird uns das Thema noch lange begleiten, ich interessiere mich nur nicht besonders für Sarrazin und seine Jünger und halte beide nicht für aufmerksamkeitswürdig.
    b) nein, wir schwimmen leider nicht im Geld. Aber ich halte es dennoch für absurd, nach 15 Jahren Diskussionsprozess, mehreren Wahlen bei denen alle Parteien ihre Meinung deutlich machten und einem bereits abgehaltenen Entscheid zum Thema JETZT plötzlich so ein "Hatzifatzi" zu machen, wie der Bayer sagen würde, nur weil der hässliche Bahnhof abgerissen wird und ein paar Bäume gefällt werden (die gleichen Baumschützer interessieren sich übrigens auch nicht für die Herkunft ihres so günstigen Parkettholzes). Daher interessiert mich auch dieses Thema nicht sehr.
    c) Lehn Dich doch zurück und beobachte entspannt und gemütlich das Auslaufen und Abschalten all der KKWs. Die paar Jahre mehr, welche sie jetzt bekommen haben... ach naja, ihre Zeit läuft trotzdem ab. Es gibt dringendere Baustellen, meine ich.

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  3. Sarrazin und seine Thesen greifen jegliche Debatten über Migration und Integration an. Ob man Sarrazin so eine Bühne geben sollte oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten. Solange aber "Leitmedien" nichts besseres zu tun haben, als krude Eugenik und plumpe Meinungsmache gegen einzelne Menschengruppen zu verbreiten bzw. zu unterstützen, wirst du auch eine neue Einwanderungspolitik nicht so ohne weiteres diskutieren können.

    Beim Thema AKWs bin ich auch etwas anderer Meinung, aber die Hinhalte-Taktik beim Thema Atomstrom, Endlagerung usw. tut halt seine Wirkung. Und gegen "revolutionäre" Entwicklungen soll man ja nichts sagen.

    Dass Datenschutz und Steuern durchaus reformbedürftig sind steht außer Frage.

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