Mittwoch, 22. Dezember 2010

Den Euro braucht man nicht schlechtreden...

...es zeugt im Gegenteil sogar von reichlich fehlendem ökonomischem und politischem Sachverstand, sich in diesen Reigen einzureihen. Denn den momentan so beliebten Unkenrufen, der Euro stünde kurz vor dem Zusammenbruch, kann man ein paar harte Tatsachen entgegensetzen:

a) Die Stabilität des Euros beruht auf dem deutschen Vermögen und unserem politischen Willen
Das Folgende darf man als Deutscher nur hinter vorgehaltener Hand Sagen: es ist natürlich schön - und notwendig - das so viele europäische Länder beim Euro mitmachen. Und natürlich war es klug, das gerade Frankreich Deutschland im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses zur Währungsunion gedrängt hat. Und sicher ist der Euro ein Gemeinschaftsprojekt aller Länder, die mitmachen. Aber eines bleibt nicht von der Hand zu weisen: die Stabilität des Euro hängt nicht von Irland ab, nicht von Griechenland, Portugal und auch nicht vom ökonomisch viel größeren Spanien, noch nicht mal von Italien oder Frankreich. Die Stabilität des Euros beruht schlicht darauf, dass der deutsche Staat sagt: wir garantieren die Sicherheit aller Anleihen, die die Europäische Zentralbank ausgibt und benötigt. Denn - und das ist das eigentlich Lustige daran - der Wert einer Währung gründet sich so gut wie vollständig auf dem Vertrauen in dieselbe. Der Wert einer Währung ist etwas psychologisches und nichts, was auf Gegebenheiten der realen Wirtschaft fußt. Ökonomen reden sich das zwar schön und führen Begriffe wie "Fundamentaldaten", "Wechselkurs", "Zinssätze" und andere Dinge ins Felde. Aber davon verstehen die wenigsten Menschen etwas und die politischen Akteure auch nur rudimentär - und daher ist es für sie auch nicht wichtig. Der Wert einer Währung beruht in den Augen der Mehrheit daher darauf, dass jeder glaubt, mit dem Schein in der Tasche könne er sich etwas im aufgedruckten Gegenwert kaufen und darauf, dass Banken glauben, die Zahlen in ihren Computern wären etwas wert. Allein dieser Glaube ist das Entscheidende. Und das alle 400 Millionen Eurobürger diesen Glauben behalten können - dafür garantiert im konfus organisierten und ziemlich chaotischen Gefüge der Europäischen Union letztlich nicht die EZB, sondern die größte Wirtschaft, das größte Land, das mit dem größten Vermögen, Deutschland. Denn wenn's brennt, schauen alle nach ganz oben.

Und gerade aus diesem Grund ist es eine fahrlässige Haltung von Angela Merkel, wenn sie dem Euro nicht jede nötige - meist rein verbale - Unterstützung gibt. Denn - auch das ist ziemlich lustig - die deutsche ist die einzige Volkswirtschaft Europas, die nicht pleite gehen kann, eben weil sie die größte ist. Das resultiert zum einen daher, dass das deutsche Vermögen derart groß ist (rund 4 Bio. Euro Barvermögen, weitere rund 13 Bio. Euro Sachvermögen) das wir damit so ziemlich den halben Planeten kaufen könnten, wenn wir wollten. Somit machen uns die paar hundert Milliarden Euro Kredite, um die es jetzt geht, nicht wirklich Sorgen und es ist beruhigend, das unser dieser Reichtum zur Seite steht. Entscheidender ist jedoch, dass wir als größte Volkswirtschaft und größtes Land über die EZB jede geldpolitisch nötige Maßnahme treffen könnten, um eine wie auch immer gerartete Pleite zu vermeiden. Wenn wir bspw. eine Billion Euro als Waffe gegen Währungsspekulationen benötigen würden, könnte allein Deutschland es durchsetzen, dass die EZB diese Summe verfügbar macht. Das hängt allein vom politischen Willen ab. Wir könnten auch jederzeit hergehen und erklären, das bspw. alle Kredite, die Portugal oder Griechenland benötigen, vom deutschen Staat in unbegrenzter Höhe abgesichert werden. Das Resultat wäre, dass die Zinsen, welche diese Länder bezahlen müssen, nicht höher wären als diejenigen, welche Deutschland jetzt zahlt - und die liegen vielleicht bei einem Prozent (und nicht bei vieren, wie die dieser bedauernswerten Länder). Interessant an diesen Maßnahmen ist ihre Virtualität - in keinem Fall fließt echtes Geld von A von B - es wird lediglich behauptet, das notwendige Geld stünde irgendwo bereit und warte nur darauf, in den Kampf gegen die Spekulanten geworfen zu werden. Diese würden dann schleunigst das Feld räumen - denn ihre Verluste aufgrund fallender Zinsen und nicht mehr benötigter Kredite sind nämlich real, die Verluste der staatlichen Akteure hingegen nicht. Es ist also nur die politische Feigheit Merkels, welche diese Akteure zu ihren Gewinnen auf Kosten der europäischen Steuerzahler verhilft - und das begreift die Kanzlerin nicht. Leider ist sie nicht so klug und europäisch verortet wie andere...

b) Die Dauerhaftigkeit des Euros beruht auf seiner Alternativlosigkeit
Die europäischen Länder haben keine Alternative zum Euro. Das ist sehr wörtlich zu nehmen, denn es war der Euro, welche die Integration der europäischen Volkswirtschaften so stark ermöglicht hat. Unser Außenhandel findet zum größten Teil innereuropäisch statt und in den letzten zehn Jahren hat diese gegenseitige Integration ein Maß erreicht, das ohne den Euro als vereinheitlichende Grundlage für Berechnungen, Zahlungen, Kalkulationen und Vertragsschlüsse nicht denkbar gewesen wäre - und nicht wieder rückgängig zu machen ist. Würden wir den Euro jetzt wieder abschaffen und zu nationalen Währungen zurückkehren, flöge gerade uns Deutschen ein guter Teil unserer außenhandelsorientierten Wirtschaft um die Ohren - und das in einem Maße, dass sich die Weltfinanzkrise von 2008 und 2009 dagegen wie eine milde Sommerbrise ausnehmen würde. Aber auch die anderen EU-Länder würden leiden, Branchen wie Tourismus, Logistik, Produktion, die sich internationalisiert haben, müssten plötzlich wieder mit Währungsschwankungen rechnen und letztlich alles in Dollar oder Mark abrechnen - eine schwer vorstellbare und schlecht handhabare Option mit großen Reibungsverlusten, die uns Marktanteile, Wettbewerbsfähigkeit und Einkommen kosten würde.Dieser Gedanke ist von solch großer politischen Dummheit, das man ihn gar nicht denken braucht.

c) Die Stärke des Euros beruht auf der Europäischen Volkswirtschaft
Ganz simpel: die EU-Wirtschaft ist die größte der Welt. Die deutsche allein ist nur noch die drittgrößte, die französische liegt auf Platz fünf, die spanische auf Platz neun. China hat uns schon überholt und liegt auf Platz zwei, Indien wird bald folgen, weitere bevölkerungsstarke Länder wie Brasilien sind auf dem Weg. Jedes für sich genommen sind die europäischen Länder in weltwirtschaftlicher Bedeutung - und somit an Einfluss - auf dem absteigenden Ast. Nur gemeinsam sind die EU-Länder die weltgrößte Wirtschaft mit einem entsprechenden Einfluss und - da man die USA in dem Punkt abschreiben kann - die einzige ökonomische Supermacht, in der zumindest versucht wird, Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Entwicklung allmählich in Einklang zu bringen. Daher wird der Euro an Gewicht zulegen, während der Dollar weiter an Gewicht verlieren wird. Das hat einen einfachen Grund: die Europäische Union bietet neben den USA die einzige globale Währung an, die vertrauenswürdig ist, internationales Gewicht hat, hinter der ökonomische und politische Macht steht und - sehr bedeutend - die keinesfalls pleite gehen kann. Das bietet das nötige Vertrauen um sein Geld darin anzulegen.

Zu ihrer besten Zeit lagen rund 15% der internationalen Währungsreserven in Deutscher Mark an, heute liegt der Euro bei bereits fast 30%. Der Dollar hatte sein Hoch bei über 70%, heute sind es noch rund 60% - Tendenz fallend. Alternativen gibt es - aber wer will die schon? Pfund und Franken versinken inzwischen in der Bedeutungslosigkeit, auch angesichts der politisch gewollten, isolationistischen Tendenzen der beiden Währungen und Wirtschaften. Und wer würde sein Geld ernsthaft in Renminbi oder Rupien investieren, also den Währungen von Ländern, bei denen man sich der politischen Akteure und Aktionen nicht gewiss sein kann und somit ständig um sein Geld fürchten müsste. Um Währungsreserven aufzubauen bleiben einem nur die eigene Währung, Dollar und Euro. Und da hilft ein Blick zurück: der Wechselkurs Euro-Dollar betrug mal 0,8 zu 1. Heute sind es 1,3 zu 1, Tendenz eher steigend als fallend. Die Perspektive ist klar.

Fazit:
All das heißt: der Euro ist die wertvollere Währung, mit ihm kann man sich mehr kaufen, als mit dem Dollar. Also ist der Euro der langfristig stabilere, gesündere und kräftigere Akteur auf dem globalen Währungsmarkt. Trotz seiner nur rund zehnjährigen Geschichte ist der Euro geschichtlich betrachtet zweifellos die erfolgreichste Währung des Planeten und er wird die momentanen Bodenschwellen auf der Autobahn dieses Erfolges ebenso zweifellos überwinden und abermals gestärkt daraus hervorgehen. Es wäre hier also mehr Optimismus und weniger Kleinmut angebracht, wenn es um die Zukunft unserer gemeinsamen Währung geht. Natürlich kann man das heute auch schlechtreden - in fünf Jahren zurückblickend wird einem das eher nur peinlich sein müssen.

Noch mehr zu lesen: http://www.zeit.de/2010/50/Waehrung-Euro