Mittwoch, 12. Dezember 2012

Verstaatlicht Facebook & Google!

Na gut, zugegeben, völlig ernst gemeint ist der Titel nicht. Aber er ist so schön aufmerksamkeitserregend. Und letztlich geht es in Grundzügen durchaus um die "Verstaatlichung" der grundlegenden Dienstleistung von Facebook und Google.

Warum ich Facebook und Google gern "verstaatlichen" will, ist einfach erklärt. Im Rahmen einer kleinen Diskussion mit +Dave Gööck und +Peter Gööck über das aktuell diskutierte Leistungsschutzrecht kamen wir eher zufällig auf so genannte "Natürliche Monopole" zu sprechen. Mir scheint, dass das hinter dem Begriff "Natürliches Monopol" stehende Konzept nur wendig bekannt ist, wobei es doch eines der spannendsten Themen von Wirtschaftspolitik und Wettbewerb ist.

Zunächst also eine kurze Erlätuerung: der Begriff "Natürliches Monopol" kommt aus der Mikro- bzw. Makroökonomie und bezeichnet dabei eine Marktsituation, wo das Anbieten eines Gutes (ein Produkt oder eine Dienstleistung) zu extrem hohen Fixkosten, aber sehr niedrigen Grenzkosten geschieht. Dazu ein Beispiel: um das Gut "Durchleiten von Strom von A nach B" anzubieten, muss man beim Bau (angenommen) 250.000 Euro pro Kilometer Leitung aufwenden (d.h. die Fixkosten für die Infrastruktur sind sehr hoch). Der Betrieb des Gutes ist dann aber sehr günstig, vielleicht nur 5.000 Euro pro Jahr pro Kilometer Leitung. Das bedeutet, dass das Durchleiten von Abermilliarden Kilowattstunden Strom durch die Leitung pro Kilowattstunde tendenziell fast gar nichts kostet (die Grenzkosten für eine Kilowattstunde sind also fast Null). Die hohen Fixkosten und niedrigen Grenzkosten ergeben mit einigen anderen Erwägungen wie bspw. dem Landschaftsverbrauch, dem Rohstoffverbrauch, den Genehmigungsverfahren und dem "wer-zuerst-kommt-mahlt-zuerst-Faktor" einer Leitungsstrecke ein natürliches Monopol für genau einen(!) Anbieter des Gutes. Es macht ja auch keinen Sinn, zwei Leitungsstrecken parallel aufzubauen, solange kapazitiv eine reicht (und das ist fast immer so). Ein zweiter Anbieter hätte auf demselben geographischen Markt so gut wie keine Chance. Und hier muss man dann noch das Gut "Durchleiten von Strom" vom Gut "Anbieten von Stromversorgung" trennen. Denn das "Anbieten von Strom" ist eine kompetitive Leistung nach dem Motto "Wer bieten am günstigsten Strom an" und das beispielsweise auch noch umweltfreundlich. Hier macht Wettbewerb völlig Sinn, beim Gut "Stromdurchleiten" hingegen bringt Wettbewerb wenig, denn es ist keine kompetitive Leistung, sondern "nur" eine Infrastruktur.

Soviel zur Theorie: das wirklich spannende ist, dass es in der heutigen Welt und den Märkten hunderte von natürlichen Monopolen gibt, die häufig staatlich geschützt oder vergeben, aber nicht staatlich verwaltet werden und wir sind für diese Monopole total dankbar - hauptsächlich deshalb, weil wir sie im Alltag nicht sehen und bemerken aber ständig benutzen. So hat bspw. das Deutsche Institut für Normung (DIN) ein Quasi-Monopol für Normierung von Industriestandards in Wirtschaft und Politik, bspw. Blattgrößen (DIN-A4 & Co.). Der Technische Überwachungsverein (TÜV) hat ein Quasi-Monopol bei Sicherheitsstandards für vielerlei komplexe Geräte, bspw. Autos. Auch die Grundlage des Internets wird nicht von einem Staat verwaltet, sondern von der ICANN, einer von der amerikanischen Regierung beauftragten Organisation mit eher merkwürdiger und sich ständig ändernder innerer Verfassung. Es gibt auch nicht-technische Monopole, die mit der Mikroökonomie nur bedingt zu tun haben, die wir aber gesellschaftlich errichten: die Gesundheitsämter haben ein Monopol darauf, die Qualitätskriterien von Trinkwasser festzulegen und die Polizei hat in Deutschland ein staatlich festgelegtes Gewaltmonopol und beides wird von der Zivilgesellschaft sehr begrüßt, denn es wäre sinnlos, zwei oder auch Dutzende von Gremien für Trinkwasserqualität zu haben. Und so gibt es weltweit abertausende nichtstaatlicher Verwalter von Monopolen, die aber eben immer nur ihrem jeweiligen Zweck verpflichtet sind. Hier gibt es keine marktwirtschaftlich sinnvollen Konkurrenzsituationen, weil es keinen sinnvollen Markt gibt. 

Allesamt sind natürliche Monopole oft sehr nützlich und ihnen ist gemeinsam, dass es unsinnig ist, das sie von mehreren gleichzeitig und sich ggf. widersprechenden Anbietern bereitgestellt werden. Es macht keinen Sinn, dass es zwei sich widersprechende Polizeischaften in einer Stadt gibt, zwei unterschiedliche Standards für das Design von Steckdosen in einem Land, zwei unterschiedliche Spurweiten von Eisenbahnschienen im Fernverkehr und zwei verschiedene Normen, wie breit PKWs werden dürfen. Natürliche Monopole haben fast immer den Charakter einer Infrastruktur. Sie entstehen auch deswegen, weil sie unmittelbar nützlich und sinnvoll und gleichzeitig für den Erfolg einer auf ihrer Basis angebotenen Dienstleistung unerlässlich sind.

Meine generelle Aussage ist, dass die Verwaltung und Kontrolle von natürlichen Monopole bei der Allgemeinheit liegen sollte, damit diese "Verwalter" sich auf die Bereitstellung der Monopol-Infrastruktur selbst beschränken und diese bestmöglich zum Nutzen des Wettbewerbes bereitstellen. Infrastrukturen, die einen natürlichen Monopolcharakter bekommen haben oder bekommen werden, sollten deswegen der Verwaltung der Allgemeinheit bzw. nicht-kommerziellen Verwaltern unterstellt werden, weil man nur dann den Infrastrukturinhabern selbst vertrauen kann. Sie dürfen keinen wirtschaftlichen Eigeninteressen folgen, sondern sollen lediglich auf die optimale Bereitstellung ihrer Infrastruktur verpflichtet sind. Denn erst die optimale Bereitstellung dieser Infrastruktur ermöglicht dann den optimalen Wettbewerb aller Marktteilnehmer, die diese Infrastrukturen nutzen müssen und dürfen und somit auch richtige, freie Innovation im Markt. 

Und genau das trifft auch auf die von Facebook und Google angebotenen Dienste zu: Facebooks zugrundelliegendes Leistungsmerkmal ist "Identifikation im globalen, sozialen Netzwerk", das von Google "globale, vollständige und unbeeinflusste Informationssuche im Internet". Beide Leistungen haben den starken Charakter eines natürlichen Monopols. Bei Facebook ist der monopolistische Character einfach erklärt: warum sind heute alle bei Facebook? Nicht weil Facebook so eine überragend gute Leistung anbieten, sondern weil alle anderen auch bei Facebook sind. Es gibt technisch und konzeptionelle bessere Angebote als Facebook, aber die nutzt eben keiner mehr und weil sie keiner nutzt, geht auch keiner hin. "Soziale Vernetzung" ist keine kompetitive Leistung, auch weil es keine völlig getrennten Nutzergruppen gibt, die getrennte Netzwerke nutzen könnten, sondern das größte Netzwerk zieht die Nutzer aller anderen Netzwerke an sich. Facebook bietet im eigentlichen Sinne keine Dienstleistung, sondern eben eine Infrastruktur - und zwar eine monopolistische - an, weil alle Nutzer dieselbe Infrastruktur nutzen wollen und müssen. Noch grundlegender: es geht noch nicht mal um das ganze technische Drumherum des Angebots von Facebook (Chatten, Teilen, Spielen usw.), sondern eigentlich nur um eines: Identifikation, d.h. irgendwer kann irgendwen anderes als jemand bekannten identifizieren - und hierin liegt das eigentliche natürliche Monopol des sozialen Netzes. Genau dieses Monopol wird sinnvollerweise von nur einer Stelle angeboten - und sei es nur ein Austausch-Protokoll, auf das sich alle Marktteilnehmer ggf. zwangsweise geeinigt haben und das dafür sorgt, das alle sozialen Netzwerke miteinander reden können (bei den Telefondienstleistern funktioniert das ja im wesentlichen genau so - alle Infrastrukturen reden miteinander, weil der Monopolist "Regulierungsbehörde" verbindliche Standards vorgegeben hat).

Das spannende für Unternehmen ist eigentlich immer herauszufinden: "was ist das natürliche Monopol einer Leistung und wie kann ich dieses Monopol besetzen". Facebook hat es geschafft, ebenso wie Google. Beide Unternehmen sind heute in etwa das, was AT&T in den USA in den Achtzigern war: Infrastrukturmonopolisten. AT&T war nach Jahrzehnten der Marktdominanz träge, faul und überteuert, denn marktdominierende Unternehmen sind nie gut für eine freie, sich entwickelnde Marktwirtschaft. Ohne den Wettbewerbsdruck, der ja mangels Konkurrenz nicht auf ihnen liegt, hören sie immer irgendwann auf, sich und ihre Dienste zu erneuern und schöpfen eine Zeit lang Monopolgewinne ab. Das lehrt die Geschichte mit übergroßer Deutlichkeit und daran wird sich auch nichts ändern, solange wir die Marktwirtschaft als Wirtschaftsmodell haben. Je älter Facebook und Google werden, desto mehr werden sie wie die Deutsche Post vor der Marktöffnung 1991 werden: träge, behäbige und faule Unternehmen, die auf ihrem Infrastrukturmonopol hocken und andere Markteilnehmer behindern, drängeln und drangsalieren, um ihre eigene Position zu erhalten, sie werden Innovationen blockieren & patentieren und irgendwann werden sie nur noch eine Last sein. Dieser Gang der Dinge ist nahezu unvermeidlich - was die Geschichte ebenso lehrt. 

Aus diesem Grund wird es wohl bald nötig werden, beiden Unternehmen das Verwalten der ihnen zugrundeliegenden "Natürlichen-Monopol-Infrastrukturdienstleistung" zu entziehen und diese einer allgemeinen Verwaltung zu unterstellen. Das ist interessanterweise für beide Unternehmen auch gar nicht schlecht (wie bspw. die Geschichte der Baby-Bells zeigt), denn sie können sich dann weiter im Markt tummeln und auf die benötigten Infrastrukturen zugreifen - so wie alle anderen auch - und dabei zeigen, ob sie innovativ und leistungsfähig genug sind, auch ohne ihr natürliches Monopol zu bestehen. Der Allgemeinheit kann das indes nur nutzen, denn sie erhält bessere, günstigere und innovativere Dienste von mehr Marktteilnehmern als heute. Sicher ist: das wird spannend.