Sonntag, 17. Februar 2013

Keine Angst vor China

Chinas Aufstieg erzeugt Ängste

Im letzten Jahrzehnt konnte man in eindrucksvoller Form den Aufstieg Chinas von einem Fast-Noch-Schwellenland zu einer in Teilen kaufkräftigen und wohlhabenden Wirtschaftsmacht in raschem Aufstieg beobachten. Nachdem China 1992, also vor gerade einmal 20 Jahren, die Gründung von privaten Unternehmen zuließ und begann, Staatsbetriebe zu privatisieren, hat eine rasante Entwicklung eingesetzt. Auch der Beitritt Chinas zur WTO 2001, der mit einer Öffnung ausländischer Märkte für chinesische Produkte und umgekehrt einherging, hat dieser Entwicklung ein weiteres Momentum verpasst1. Inzwischen ist China nicht länger ein Land, in dem sich ausländische Investoren ansiedeln um ihre Werkbänke aufzumachen, sondern es investiert selbst in anderen Ländern während die Werkbänke teilweise schon wieder weiterziehen. Chinesische Investoren kaufen sich mit Milliardenbeträgen in den europäischen, auch deutschen, Mittelstand ein und peilen dabei häufig Industriezulieferer und in Bedrängnis geratene Technologieunternehmen an. Nach Jahrzehnten der deutschen Investitionen in China erzeugt das plötzlich ein ungutes Gefühl bei den Deutschen. Stichworte wie "China kauft uns auf" und "die Chinesen klauen unsere Technologien" machen die Runde und dabei werden auch Ängste geschürt.

Es ist daher Zeit, einmal einen Blick auf die Ängste zu werfen, die man im Westen gegenüber China und seinem Aufstieg zu einem wirtschaftlichen und allmählich auch politischen Global Player hegt. Denn China verändert sich in raschem Tempo. Vor dreißig Jahren hat noch kaum jemand das Land auf der wirtschaftlichen und abseits des UN-Sicherheitsrates der politischen Agenda gehabt. Es stand allenfalls für menschliche Fließbandarbeit, Militäraufmärsche zu KP-Parteitagen, Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Tibeter. Das hat sich bis heute grundlegend geändert: über Tibet redet im Westen kaum noch jemand und auch der chinesische "Kommunismus" ist kein Thema mehr. Stattdessen ist China heute nach der Europäischen Union die zweitgrößte Wirtschaftsregion der Welt, hat die größte Bevölkerung, ist der größte Exporteur und seine wirtschaftliche Leistung wächst jährlich zwischen fünf bis zehn Prozent. Voraussichtlich zwischen 2020 und 2025 wird China die größte Wirtschaftsnation der Welt werden und dann auch die EU übertreffen. Die chinesischen Währungsreserven betragen heute rund 2 Bio. Dollar (die europäischen belaufen sich auf rund 200 Mrd.). Dieser rasante Aufstieg stellt die globale wirtschaftliche und gesellschaftliche Dominanz des Westens der letzten 400 Jahre deutlich infrage. Und das verursacht insbesondere den amerikanischen und europäischen Strategen Kopfschmerzen. Man darf sich die Frage stellen: warum eigentlich?

Schon wachsen die Probleme

China steht heute vor großen Problemen, die in Verbindung mit Chinas Größe und Bevölkerung rasch anwachsen: Umweltverschmutzung, Landverbrauch, Ressourcenverbrauch, gesellschaftliche Instabilität, soziale Ungleichheit, geringes Vertrauen, Ungerechtigkeit, Überalterung, Korruption und Ineffizienz.

Das größte Problem Chinas ist, dass das Land zur radikalsten Marktwirtschaft der Welt geworden ist, was auch mit dem Begriff des Kader-Kapitalismus bezeichnet wird. Trotz allem Anschein, den die chinesische Führung vermitteln will, hat der chinesische Staat an sich als ein steuernder und mäßigender Akteur im Vergleich mit vor allem westeuropäischen Ländern relativ wenig Macht und Einfluss auf die wirtschaftliche Aktivität von einzelnen Unternehmen. Denn diese werden durch eine Vielzahl von miteinander verflochtenen und auch rivalisierenden Akteuren aus der kommunistischen Partei, der Bürokratie und Unternehmern beherrscht. Die suchen vor allem ihren individuellen und familiären Vorteil. So sind 2010 von 3.220 Chinesen mit einem persönlichen Vermögen von mehr als 100 Millionen Yuan (10 Mio €), 2.932 die Kinder von hohen KP-Parteifunktionären, was ein deutliches Bild vermittelt2. Somit können sie durch parteiinterne Protektion, Korruption und Machtanmaßung häufig geltendes Recht beugen und ignorieren und das in einem Maße, das in westlichen Ländern undenkbar geworden ist. Während solche Akteure in Westeuropa durch Gesetze und vor allem deren relativ verlässlicher Durchsetzung viel stärker in Zaum gehalten werden, gibt es im heutigen China kaum derartige Zügel. Als kleiner Treppenwitz sei angemerkt, dass der Vorwurf, chinesische Unternehmen würden hemmungslos Urheberrechte und Patente stehlen oder kopieren, inzwischen auch häufig von anderen chinesischen Unternehmen im eigenen Land erhoben und verfolgt wird. Die Kaderbürokratie bekämpft sich auch selbst und ist keineswegs ein homogener, geschlossener Block der gemeinsam fest nach außen hin steht - stattdessen sind sich die Chinesen selbst der größte Feind.

Neben der Korruption und der daraus entstehenden Ineffizienz in Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gibt es sogar noch wichtigere Probleme. Dazu gehört vor allem die Umwelt. So haben in den letzten Jahrzehnten die aufgrund von Rodung, Überweidung und Wasserverbrauch stark angewachsenen Wüsten rund ein Drittel der Landesfläche erobert und schlucken weiterhin jährlich große Gebiete bisher landwirtschaftlich genutzter Flächen. Auch die Verschmutzung und Überfischung der küstennahen Meere wird zunehmend dramatisch (und zerstört nebenbei die wirtschaftliche Existenzgrundlage der kleiner Fischer). Diese Probleme kumulieren und stellen die langfristige, zuverlässige Versorgung der bald 1,4 Milliarden Menschen durchaus infrage. Schwierig zu handhaben ist auch die starke Bevölkerungsmigration vom Landesinneren in die Küstenregionen, die es in den letzten Jahrzehnten durch ihre rasante wirtschaftliche Entwicklung zu Wohlstand gebracht haben. Auch die zunehmende Gewässervergiftung durch Industrie und Landwirtschaft ist relevant, denn der Zugang zu gutem Trinkwasser wird jährlich schwieriger. Fragwürdige Projekte wie der Drei-Schluchten-Damm und die vielen Kohlekraftwerke zur Energieerzeugung erschweren die Umweltproblem durch Wasser- und Luftverschmutzung. Auch die Bevölkerungspolitik gehört dazu, denn durch die (inzwischen etwas aufgeweichte) 1-Kind-Politik sowie die Tatsache, das viele chinesische Familien Jungen Vorzug vor Mädchen gegeben haben und geben, ist der Überhang der Männer inzwischen sehr deutlich geworden. Das führt zu sozialen Phänomenen (wie einer wachsenden Anzahl an Homosexuellen) und Problemen (Männer finden keine Frauen zur Familiengründung, weniger Nachwuchs, Überalterung).

Und als sich abzeichnendes wirtschaftliches Problem schwinden auch die Kostenvorteile durch die bislang günstigen chinesischen Arbeitskräfte. Der wachsende chinesische Mittelstand lässt sich nicht mehr problemlos mit Billiglöhnen abspeisen, die Skandale und der steigende soziale Druck der letzten Jahre zeigen Wirkung, der Durchschnittslohn steigt seit Jahren schneller als die Produktivität, was die Fertigungskosten erhöht. Zu diesen Problemen gesellt sich die weiterhin vorhandene Unterdrückung von freier Meinung und des fehlenden gesellschaftlichen Diskurses - hierzulande "Opposition gegen die herrschende Meinung" genannt - hinzu. Daraus erwächst nach wie vor die geringere Innovationskraft der chinesischen im Vergleich mit der europäischen und amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft. Korruption und die Ineffizienz des riesigen Staatsapparates, verbunden mit der mangelnden Durchsetzung von gesetzlichen Rahmenbedingungen vervollständigen die Problemliste.

Genug mit sich selbst zu tun

Es wird deutlich: China wird in den kommenden Jahren trotz seines wirtschaftlichen Wachstums genug mit sich selbst zu tun haben, denn es steht vor existenziellen Herausforderungen. Nationen mit inneren Konflikten und Problemen tendieren dabei häufig zur Strategie, ihre Konflikte nach draußen zu tragen und dabei zu versuchen, im inneren an Stabilität durch Einheit zu gewinnen. Zu dieser Option wird China eher nicht greifen. Denn immer wieder ist in den letzten Jahrzehnten deutlich geworden, das das Land sehr eindeutig auf wirtschaftliche Entwicklung statt bewaffnete Konflikte setzt, um seine Ziele zu erreichen. Es hat in den letzten Jahrzehnten von chinesischer Seite aus niemals ernsthafte Anstrengungen gegeben, sich in irgendwelche bewaffneten Konflikte zu begeben oder sich darin einzumischen. Im Gegenteil hält man sich immer gerne heraus, egal wo und unter welchen Umständen: weder beim Irakkrieg, noch in Afghanistan, noch beim Horn von Afrika oder anderen militärischen Konflikten hat man sich beteiligt. Und selbst der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt mit Taiwan gipfelte bislang nur in gelegentlichen Provokationen von geringer Reichweite.

Man muss feststellen: im Gegensatz zu den USA oder den europäischen Staaten, die auch in den letzten Jahrzehnten immer wieder Kriege geführt haben, hat China nichts dergleichen getan. Das hat auch damit zu tun, das der militärische Konflikt an sich der chinesischen Mentalität weniger als Option erscheint, als er es das den westlichen Gesellschaften tut. An dieser Stelle kann man sich auch verdeutlichen, dass es immer noch und auch auf sehr lange Sicht die USA sein werden, die hinsichtlich militärischer Schlagstärke der einzige echte Global Player sind. Die Vereinigten Staaten halten heute rund 40% (700 Mrd. $) der globalen Ausgaben für Militär. China steht auf Platz zwei - mit rund 8% (140 Mrd $)3. Und auch wenn China in einem militärischen Konflikt auf ein nahezu unerschöpfliches Potential an Menschen zurückgreifen könnte, so spielt das bei der heutigen Art von Kriegsführung im Prinzip kaum noch eine Rolle - da einfach keine Massenschlachten mehr geschlagen werden (die Europäische Union hält übrigens ca. 23% (400 Mrd. $), also immer noch genug, scheint es). Als wichtiger Punkt greift hier auch, dass in dem Maße, wie die Chinesen selbst wohlhabender werden und sich ihr Lebensstil dem wohlhabenden Westen annähert, im selben Maße ihr Wille abnehmen wird, diesen Wohlstand und ihre persönlichen, privaten Errungenschaften durch kriegerische Konflikte aufs Spiel zu setzen. Auch dies ist ein Grund, warum beispielsweise den europäischen Nationen der Wille zu ernsthaften Konflikten abhanden gekommen ist: wohlhabende demokratische Gesellschaften können gegen den Willen ihrer Bürger einfach keine großen Kriege führen. Dieser Wille fehlt in Europa heutzutage fast vollständig und von China kann man schon mentalitätsbedingt selbiges sagen.

China ist keine Gefahr. 

Richtig, das Land ist anders und es hat definitv viele Schattenseiten, aber es nimmt heute selbstverständlich am globalen Geschehen teil, so, wie es viele andere Staaten seit vielen Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten ebenfalls tun. Die Welt ist seit dem Ende des Kalten Krieges multipolar geworden und die Globalisierung beschert uns einerseits breiten Wohlstand und dadurch Frieden und bindet uns andererseits immer stärker aneinander. Dadurch wird die Welt komplexer und auch komplizierter, was gute wie schlechte Seiten hat. Aber der kulturelle Austausch wächst und sehr langsam entsteht auch ein Gefühl dafür, das wir auf einem sehr kleinen Planeten leben, den wir irgendwann nicht länger auch noch durch Nationen unterteilen müssen.

Die Gefahr einer chinesischen Hegemonie besteht indes nicht. Und weder die Europäer noch die Amerikaner haben in Anbetracht von Kolonialherrschaft, Sklaverei, Weltkriegen, Ausbeutung und Imperialisums in den letzten 400 Jahren bewiesen, dass sie die Welt zum Vorteil aller führen können. Das die europäisch-amerikanische Hegemonie nun langsam schwindet, hat insgesamt eben nicht nur schlechte Seiten, sondern es ist einfach eine Veränderung des gewohnten und bekannten Zustandes hin zu einem neuen Zustand - also schlicht Evolution.