Donnerstag, 31. Juli 2014

Ungleichheit ist gut

Vor einigen Tagen postete ich in meiner Facebook-Timeline einen Beitrag, in dem ich die folgende Wette angeboten habe:
Hier zu meiner Wette: ich wette, das euch geneigten Lesern nicht(!) klar wird, was die eigentlich wichtigste, bedeutsamste Aussage des Artikels von Nick Hanauer ist. Hat man diese Aussage herausgearbeitet, ergeben  sich alle anderen Punkte seiner Argumentation sozusagen von selbst, sie lassen sich stets von dieser zentralen Aussage als logische Schlußfolgerungen ableiten. 
Der fragliche Artikel ist hier zu lesen www.politico.com/magazine/story/2014/06/the-pitchforks-are-coming-for-us-plutocrats-108014.html und in ihm beschäftigt sich der amerikanische Multimilliardär Nick Hanauer mit den Themen der Verteilung von Reichtum und Mindestlohn. In seinem sehr ausführlich argumentierenden Artikel trifft er mehrere Annahmen darüber, wie Wirtschaften gut funktionieren können und er spricht darüber, was nach seiner Ansicht das aktuelle Problem der amerikanischen ist. Ich stimme mit ihm in Teilen überein, in anderen nicht, finde seine Argumentation aber schlüssig.

Eine Aussage ist mir besonders ins Auge gefallen und ich halte sie für die entscheidende, wichtige:

But the problem isn’t that we have inequality. Some inequality is intrinsic to any high-functioning capitalist economy. The problem is that inequality is at historically high levels and getting worse every day.
(So habe ich die Aussage auch in meinem G+-Beitrag dokumentiert) Zum besseren Verständnis muss sie in den größeren Zusammenhang des Textes darum herum gesetzt werden:

At the same time that people like you and me are thriving beyond the dreams of any plutocrats in history, the rest of the country—the 99.99 percent—is lagging far behind. The divide between the haves and have-nots is getting worse really, really fast. In 1980, the top 1 percent controlled about 8 percent of U.S. national income. The bottom 50 percent shared about 18 percent. Today the top 1 percent share about 20 percent; the bottom 50 percent, just 12 percent.
But the problem isn’t that we have inequality. Some inequality is intrinsic to any high-functioning capitalist economy. The problem is that inequality is at historically high levels and getting worse every day. Our country is rapidly becoming less a capitalist society and more a feudal society. Unless our policies change dramatically, the middle class will disappear, and we will be back to late 18th-century France. Before the revolution.
Ich weiß, dass jetzt einige sagen werden "aber das ist doch klar:" Und ich sage, so klar ist das gar nicht, wenn man nicht gerade Volkswirt ist. Denn in den letzten Jahren gibt es in allen reichen Demokratien deutliche gesellschaftliche Tendenzen hin zu mehr Gleichheit, mehr Uniformität, mehr staatlicher Regulation. Man muss sich nur Deutschland unter der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung ansehen. All diese Trends sprechen gegen die Ungleichheit. Und - das ist wichtig - Ungleichheit ist erstmal nichts schlechtes. 

Ungleichheit ist die Voraussetzung für eine funktionierende Volkswirtschaft und im größeren Rahmen natürlich auch für eine funktionierende Gesellschaft. Denn ohne die Möglichkeit, ungleich zu sein, kann es keine Leistungsfähigkeit und keinen Ehrgeiz geben, keinen Fortschritt und keine Neuerungen. Nur wenn eine Gesellschaft Ungleichheit ihrer Mitglieder hinsichtlich Lebensart, Vermögen, Denken zulässt, kann sie sich weiterentwickeln. Demokratische Marktwirtschaften schaffen es, ein gewisses Maß an Ungleichheit zuzulassen, ohne das darüber die Gesellschaft zerbricht. Sozialistische oder Kommunistische Gesellschaften wollen ein wesentlich größeres, ein viel zu großes Maß an Gleichheit innerhalb der Gesellschaft, was der Grund ist, weshalb sie von der Mehrheit der Menschen abgelehnt werden. Plutokratische Gesellschaften wollen dagegen zu viel Ungleichheit, weswegen sie - wie es Nick Hanauer sehr treffend beschreibt - zur Instabilität und zum Auseinanderfallen neigen. 

Aus der obigen Aussage lassen sich dann auch die von meinen geneigten Leser geschriebenen Beiträge - allesamt klug und nachvollziehbar - ableiten: 

So schrieb Robert: 
Es ist die (volkswirtschaftlich gesprochen) langfristige Optimierung über mehrere Perioden hinweg. So wie es Mises im "Liberalismus" schreibt, kurzfristige Maximierung (Walmart, other Plutocrats) wird auf Dauer nichts bringen. Die Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Gesellschaft insgesamt ist sinnvoll. Das strebt er an, der Nick.
Recht hat er. Ohne funktionsfähige Gesellschaften gibt es gar nichts. Aber funktionsfähige Gesellschaften bedürfen der Ungleichheit, um überhaupt funktionieren zu können, damit sich ihre Mitglieder überhaupt aufraffen, etwas zu tun.

Nadine und Andrea stoßen ins selbe Horn:
N: Ich stimme Robert zu (auch wenn ich Mises nicht kenne): Über kurz oder lang wird die Mittelschicht verschwinden und das Proletariat wird aufbegehren - und dann gibt's die amerikanische Version von "Les Misérables".
A: Also um diese (unvermeidbare) Revolution/Zerstörung des Systems nach Wegfall der Mittelschicht bei zu großer Ungleichverteilung zu vermeiden, sollten die 1% richtig Reichen sich irgendwie (genaue Angaben macht er hierzu nicht) um eine gewisse Umverteilung / Weitergabe von Vermögen bemühen. Am Ende geben die 99% ärmeren dann mehr aus der Reiche wird noch reicher) und alle sind zufrieden. 
Auch das stimmt, beschreibt aber dasselbe wie Robert und ist eben nur eine Schlußfolgerung daraus, dass Ungleichheit vorhanden sein muss (um überhaupt eine Wirtschaft zu haben), durch die es etwas gibt, was man Verteilen könnte. Thomas schrieb ähnliches, aber ausführlicher:
Meiner bescheidenen und proletarischen Meinung nach ist die Aussage, dass die 0.1% ihre Arbeiter nicht als Arbeiter sondern als Kunden ansehen müssen, die entscheidende Aussage. Das bedeutet, dass die 0.1% ihren Absatzmarkt zukünftig sichern und ausbauen müssen. Im Moment ist es bekanntlich so, dass z.B. bei ZALANDO, AMAZON und wie sie alle heissen oder anderen produzierenden Gewerben, Menschen zu bitteren Bedingungen arbeiten und diese es kaum schaffen, Ihren Lebensunterhalt (zu menschlichen Bedingungen) zu sichern. Hier widerrum springt der Staat ein, der durch Sozialsubventionen und unglaublich überflüssiger Bürokratie dem gemeinen Bürger zu viel Steuern und Abgaben abverlangt. Was widerrum unserer Mittelschicht den Garaus bereitet. Ich persönlich verstehe es in meiner Welt so: Gebt einem "Arbeiter" mehr Geld und er gibt es für Produkte, Dienstleistungen und Lebensmittel (höherer Qualität, was wiederum eine Reduzierung der Massentierhaltung bedeutet) aus. "Arbeiter" wiederum kümmern sich besser um ihre eigenen Kinder, was Bildung, Erziehung etc. angeht. Am Schluss können wir durch Nick´s Idee nur gewinnen. Ich bin froh, den Artikel gelesen zu haben. Er verdeutlichte und erklärte mir einiges, was ich bereits gefühlt beobachten konnte. Ein weiterer Aspekt, der mir gerade einfällt ist, Regionalität. Kauft regional, und wir haben weniger Transportkosten, weniger CO² Emissionen, oder z.B. DHL-Zusteller werden fair bezahlt, der Einzelhandel vor Ort schafft mehr Arbeitsplätze, die Gastronomie (damit meine ich nicht McDoof) floriert, der lokale Handwerker bekommt mehr Aufträge, Vermieter haben weniger Mietausfälle... ach, die Liste kann man beliebig fortsetzen. 
Auch das ist völlig richtig.  Es bringt nämlich in der Tat wenig, wenn Geld akkumuliert bei nur wenigen Individuen herumliegt und nichts tut. Geld muss fließen, denn es ist nur ein Transmissionsmittel, ein Schmierstoff, ein Keilriemen für den Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Menschen. Wenn Geld herumliegt und dem Wirtschaftskreislauf entzogen ist, ist es zu nichts nütze und kann sogar schädlich wirken.

Andrea und Nadine haben dann ganz knapp hinter den wichtigsten Satz getroffen:
A: Our country is rapidly becoming less a capitalist society and more a feudal society
N: Daran hatte ich auch gedacht, Andrea. Wahlweise auch der direkt anschließende Satz: "Unless our policies change dramatically, the middle class will disappear, and we will be back to late 18th-century France. Before the revolution."
Genau, das sind die Schlussfolgerungen von Hanauer für die USA, aber mir ging es eben darum, dass das richtige Maß an Ungleichheit in Ordnung ist, während es in den USA eben schon darum geht, dass es zu viel wird und die Gesellschaft auseinanderfällt.

Für die USA treffen die Schlußfolgerungen von Hanauer meiner Ansicht nach auch völlig zu. Schaut man sich die Ungleichverteilung des Reichtums der Bevölkerung der Vereinigten Staaten an, kann einen fast der Schlag treffen. Am schönsten visualisiert sind die entsprechenden Daten in diesem kleinen Film, der einem intuitiv deutlich macht, was zu viel Ungleichheit ist:



Abschließend zusammengefasst: Ungleicheit ist nichts schlechtes, sondern sie ist sogar wichtig. Es geht  um das richtige Maß an Ungleichheit in einer Gesellschaft, den goldenen Mittelweg zwischen den beiden Extremen von völliger Gleichheit und völliger Ungleichheit. Und diesen Mittelweg stellt von allen bislang ge- und erfundenen, funktionierenden Gesellschaftssystemen nur die Demokratie in Verbindung mit der Marktwirtschaft dar. 

In einem solchen Land leben wir übrigens. Denn was die Verteilung von Vermögen angeht, ist Deutschland schon seit langem - ganz offensichtlich - im richtigen Bereich zwischen Gleichheit und Ungleichheit. Hierfür gibt es nämlich eine Messzahl, den Gini-Koeeffizienten. In Deutschland liegt dieser seit rund einem Jahrhundert - mit ganz kleinen Ausreißern - zwischen 0,25 und 0,3 und verändert sich nur wenig. D.h. dass das Vermögen in unserer Gesellschaft schon seit geraumer Zeit nicht zu ungleich und nicht zu gleich verteilt ist und wir es offenbar geschafft haben, die Verteilung weder in die eine noch die andere schädliche Richtung kippen zu lassen. Eine schöne Sache.