Sonntag, 10. November 2013

Was ist eigentlich aus der Krise geworden?

Kaum sind ein paar Monate vergangen, schon ist von der europäischen Schuldenkrise, den wahlweise griechischen, portugiesischen, spanischen oder irischen Staatsfinanzen oder auch dem Euro-Rettungsschirm kaum noch etwas zu hören oder zu sehen. Konnte man im Dezember 2011 keine Zeitung aufschlagen, ohne mindestens fünf Artikel zu lesen, in denen über den baldigen Untergang des Euros, der EU als ganzem oder der Abspaltung mindestens aller südeuropäischen Länder oder deren Rauswurf aus dem Euroraum geschrieben wurde, so scheint es nun, dass sich erstens die Lage entweder beruhigt hat, zweitens die Krise zur Normalität geworden oder alternativ drittens so hoffnungslos geworden ist, dass keiner mehr darüber schreiben und sprechen will. Das Dritte kann man sich in der kritik- und untergangsfreudigen deutschen Öffentlichkeit kaum vorstellen, und auch das Zweite scheint angesichts der Dimension des Themas nicht wirklich möglich.

Bleibt irgendwie nur die erste Option: die Lage hat sich beruhigt. Die Krise scheint wirklich kein großes Thema mehr zu sein - zumindest in Deutschland nicht. Und das wirft zum einen einen bezeichnenden Blick auf die Art und Weise, wie die Deutschen im Allgemeinen und die deutschen Medien im Besonderen mit Krisen und Themen umgehen. Die folgenden Beobachtungen dürften interessant sein:
  • Zu Beginn der Krise in 2008 hat sich kein Medium und kein Journalist ernsthaft für die problematische Finanzakrobatik interessiert, der sich die Hochfinanz, die politisch beherrschten Landesbanken, die Kommunen und Hauseigentümer weltweit hingegeben haben. Exzessive Verschuldung wurde gern in Kauf genommen, wenn es darum ging, Klientelpolitik betreiben zu können. Er als die Probleme ihren Höhepunkt mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erreichten, schreckten plötzlich alle gleichzeitig auf und schrieben alle im selben lamentierenden Ton über dieselben Themen und es wurde sich in Untergangs- und Katastrophenszenarien gesuhlt. Keine Option schien dabei drastisch genug sein und kein Drama lagt zu fern, als das es nicht ausgiebig zelebriert worden wäre: Euro-Austritt, Euro-Zusammenbruch, Rückkehr zu Mark, Weltweiter Zusammenbruch des Kapitalismus. Und jetzt, kurze Zeit und mit nicht besonders anderen Fundamentaldaten als 2009 später dürfte der Sturm eigentlich immer noch nicht vorbei sein und es redet trotzdem kaum einer über das baldige Ende des Euroraumes oder darüber, dass Deutschland ob seiner Rettungsschirm-Verpflichtungen bald in den Ruin getrieben würde. Stattdessen haben sich die Finanzmärkte stark beruhigt: die Zinsen für irische, italienische und spanische Staatsanleihen, letztlich alle europäischen Staatsanleihen sind gegenüber dem Höhepunkt im vierten Quartal 2012 wieder deutlich zurückgegangen, die so gefürchteten Credit Default Swaps sind in einem höchst überschaubarem Rahmen fällig geworden und haben keine einzige weitere Finanzinstitution in den Ruin getrieben. 
  • Der Euro hat die Krise der Staatsschulden gut weggesteckt und ist gegenüber dem Dollar fast wieder auf historischen Höchstständen - angesichts der Herausforderung, die das gerade für die exportfreudige deutsche Wirtschaft darstellt, sollte das eigentlich bereits ein Anlass für die Medien und Analysten sein, die nächste Katastrophe, die nächste epochale Krise herbeizuschreiben. Man erinnere sich vielleicht daran, wie vor rund 10 Jahren bei einem Kurs von 1,30 Euro das großen Heulen begann. Heute liegt der Kurs bei 1,34, der Export brummt und niemanden interessiert es besonders. Da kommt man ins Grübeln. Und muss man sich klarmachen, dass für die deutsche Wirtschaft der Euro selbst der einzig relevante Anker ist, der verhindert, dass der Wechselkurs "Deutsche Wirtschaft und somit Deutsche Mark" zu "Dollar" in ganz andere Höhen als 1 Euro für 1,34 Dollar steigt. Würden wir zur Mark zurückkehren, würde der Wechselkurs mit hoher Wahrscheinlichkeit weit über 1,50 Dollar pro Mark steigen - einfach weil Deutschland in Europa als fast der einzige finanzwirtschaftlich sichere Hafen angesehen wird. Die Devisen würden nur so zu uns strömen und den Wechselkurs in die Höhe treiben. Die deutsche Exportwirtschaft würde - zur Freude aller anderen - abgewürgt. Der Euro befeuert unsere Wirtschaft wie kaum ein anderes Instrument - was kaum einer infrage stellt. In den meisten Medien kommt das jedoch nicht besonders gut rüber, weil sie volkswirtschaftlich eher stümperhaft gebildet sind. Stattdessen wird pauschal auf dem Kapitalismus herumgehackt, als ob er gescheitert wäre. Angesichts der schlichten Tatsache, dass der Kapitalismus sich einfach einer weiteren Erneuerung unterzieht - bspw. hin vom deregulierten, entstaatlichten zu einem globalen, supranationial kontrollierten - ist es eine Schande, das hierüber so wenig gesprochen wird. 
  • Medien und selbsternannte Finanzanalysten, die gegen den Euro wettern (oder spekulieren) haben in dieser Krise keine gute Figur gemacht. Weder konnten sie sie in einem ausreichenden Maße prognostizieren, noch haben sie dann auf ihrem Höhepunkt mit ihren Untergangsprophezeihungen Recht behalten. Der Euro ist so stabil wie eh und je, die Inflation ist auf historisch niedrige Werte gesunken (wie die Euro-Inflation insgesamt im Durchschnitt seit jeher unter der der Deutschen Mark liegt, ein lustiger Fun-Fact für all die Paranoiden, die ihr Geld jüngst in Gold umgeschichtet und damit ordentliche Wertverluste erlitten haben).
  • Von einem Euro-Austritt Griechenlands, Portugals oder Spaniens spricht kein Mensch mehr, statt dessen treten weitere Länder der Eurozone bei - und man ärgert sich bei Auslandsbesuchen außerhalb der Eurozone zunehmend über die Umtauscherei. Kaum verwunderlich angesichts der Tatsache, das von 500 Millionen EU-Bürgern bereits 330 Millionen den Euro verwenden und die Einsiedler wie Briten oder Dänen immer stärker an den Rand gedrängt werden. Die aktuellen Entwicklungen des Dollarraums mit zunehmender Zahlungsunsicherheit der USA und der stärker werdenden Reformunfähigkeit der Vereinigten Staaten lassen den Euro zusätzlich erneut in einem günstigeren Licht erscheinen. 
Man kann also mit Fug und Recht fragen: was ist eigentlich aus der Krise geworden?