Mittwoch, 9. September 2015

50.000 Flüchtlinge für Magdeburg - ein Gedankenexperiment

Angeregt durch die aktuellen Ereignisse rund um die Flüchtlingsbewegungen, die Europa und Deutschland zur Zeit zu schaffen machen, habe ich das folgende Gedankenexperiment versucht


 Was wäre, wenn Magdeburg 50.000 Flüchtlinge aufnehmen würde?


Ich fand es spannend, mich gedanklich mit dieser Frage auseinander zu setzen und habe fünf Bereiche angerissen, die mir wichtig erscheinen.


 Demographie


Magdeburg hat heute rund 230.000 Einwohner und wird in 15 Jahren voraussichtlich 220.000 Einwohner haben. Mit 50.000 zusätzlichen Einwohnern käme man also auf 280.000, also gut 22% mehr. Das klingt nach viel. Allerdings: auf dem Höhepunkt ihrer demografischen Entwicklung hat die Stadt im Jahr 1940 auch schon 346.000 Einwohnern (+50%) ein Zuhause geboten und selbst 1990 lebten noch 290.000 (+26%) in ihr. Sie konnte und kann also so viele Menschen beherbergen. Natürlich würde man heute nicht mehr zu den damaligen Bedingungen wohnen wollen und dürfen, aber das wäre ja auch nicht notwendig. Unsere technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten damit umzugehen, sind heute ungleich größer als früher. Man kann also festhalten, dass ein solcher Zuwachs zumindest demografisch machbar ist, weil es seinen Endzustand auch schon mehrfach gab. Es wäre also zu bewältigen.

Und schließlich muss man damit rechnen, dass zumindest ein Teil der angesiedelten Flüchtlinge irgendwann wieder geht, wenn die Lage in Syrien und Co. sich wieder bessert. Allerdings werden diejenigen, die bleiben, auch Nachwuchs in die Welt setzen und somit die Abwanderungen zumindest teilweise kompensieren.


 Infrastruktur


Der Wohnungsleerstand ist in Magdeburg immer noch markant höher als im Bundesdurchschnitt, sinkt aber seit Jahren, sowohl durch Rückbau als auch Umbau. Relativ problemlos bekäme man wohl 20.000 bis 25.000 Menschen unter, wenn man allen Leerstand einmal anständig saniert. Für die weiteren 25.000 bis 30.000 Menschen bräuchte man Neubauten. Den Bauplatz dafür hat die Stadt, es gibt sowohl reichlich innerstädtischen Brachen wie nutzbare Randgebiete und allgemein könnte vor allem die Innenstadt eine Verdichtung gut gebrauchen. Soviel Umbau und Neubau wäre keine unerhebliche Investition, sondern ein massives Städtebauprogramm mit einem Umfang von vermutlich rund einer Milliarde Euro nur für die Wohnungen.

Dazu kommt, dass die heutige Infrastruktur der Stadt weder 350.000 noch 290.000 Menschen und ihren Ansprüchen gewachsen ist. Es fehlt an tragfähiger Straßeninfrastruktur (gerade mal eineinhalb Elbbrücken, innerstädtische Großbaustellen wie Tunnel und Schnellstraßen) und das bestehende Straßen-, -Brücken und Abwassernetz ist vor allem in Randbezirken oft marode. Manche Stadtteile sind trotz des massiven Aufschwungs der letzten Jahre immer noch dem Verfall preisgegeben, die Straßenbahn erreicht viele Stadtteile nicht. Hier würde es großflächiger Investitionen in alle Stadtteile bedürfen und man kann dafür problemlos eine weitere Milliarde ausgeben.

Das kann die Stadt niemals allein schultern und auch für das Land ist die Ausgabe zu groß, im Angesicht von Haushaltsgrößen von 600 Mio. (MD) bzw. 11 Mrd. (LSA). Also muss der Bund ran und für diesen wären zwei Milliarden auch nur die Summe, die er ansonsten für diese Zahl an Flüchtlingen ausgibt. Alles in allem sind das für den Bundeshaushalt Peanuts. Es wäre eine bundespolitische Anstrengung nötig, zu entscheiden, dieses Geld an die Stadt zu geben, damit sie mit der Aufgabe sozusagen in seinem Auftrag zurecht kommt.


 Kultur


Magdeburg hat heute keinen gesamtgesellschaftlichen relevanten Anteil ausländischer Mitbürger (3,9%) und die kulturelle Relevanz der Stadt dümpelt trotz des bewundernswerten Engagements einzelner Leuchttürme eher mittelprächtig vor sich hin. Es fehlt an Impulsen und Streitkultur und der Gelassenheit, die Leute Neues einfach mal auszuprobieren zu lassen ohne gleich die Bürokratiekeulen herauszuholen. Die wenigen zentralen Hotspots werden mit Lärmschutz- und Veranstaltungsverboten überzogen, woran man gut merken kann, wie weit es mit einer gewissen Toleranz und Leichtigkeit doch her ist. Alles in allem ist Magdeburg eine behäbige Mittelmetropole ohne große Leuchtkraft, die ihren Charme vorrangig aus ihrem noch nicht durchsanierten und durchgentrifizierten Stadtbild a'la Leipzig zieht und in dem es noch Freiraum für Unkonventionelles gibt, solange es nicht von der Obrigkeit entdeckt und kaputtbürokratisiert wird. 

Mit 50.000 neuen Menschen aus dem Ausland würde die kulturelle Agenda plötzlich sehr viel vielfältiger werden, denn sie bringen natürlich auch ihre eigene mit und werden sie nicht einfach über Bord werfen. Das würde wohl auch eine starke Zunahme muslimischer Religiosität bedeuten. Im Angesicht einer ziemlich säkularen Stadt, die ihren riesigen Dom gerade mal zu Weihnachten halbwegs voll bekommt, sollte man damit gelassen umgehen können. Schließlich können die Muslime hier weder die Scharia einführen, noch werden sie das tun wollen. Gerade die jüngeren sind häufig ebenso säkular wie wir und haben nur wenig Interesse an Religionskonflikten.

Aber 50.000 vor allem junge Menschen bringen vor allem auch viel Vitalität und Mut mit, die Dinge anders und neu zu machen. Das kann für eine Stadt eine sehr große Chance sein. Es bedeutet aber auch eine Bedrohung für einiges althergebrachte, denn auch kulturelle Eigenarten müssen sich dem Wettbewerb um Herzen und Köpfe der Menschen stellen und so manchem, der sich in der gemütlichen Behäbigkeit eingerichtet hat, würde wohl mit Grimm auf zu viele und schnelle Veränderungen schauen. Das birgt Potential für Konflikte und Ängste, denen man intensiv und moderiert entgegen treten müsste. Gleichzeitig müsste es große Anstrengungen geben, die Ankömmlinge in unsere Kultur einzugliedern, denn sie mögen zwar ihre Kultur mitbringen, aber es sind nun mal unsere Werte, die dieses Land zu dem gemacht haben, was es heute ist und es sind die Früchte dieser Werte, weswegen sie zu uns kommen und sich nicht anderswohin flüchten. 


 Wirtschaft


Für die Wirtschaft bedeutet ein solcher massiver Zustrom an Menschen ein riesiges Konjunkturprogramm. 50.000 Menschen sind eine mittelgroße Stadt, mit all ihren Bedürfnissen. Selbst unter der Annahme, dass sie alle zunächst arbeitslos sind, haben sie doch Geld zum Ausgeben, nämlich Hartz IV oder ähnliche Transfermittel. Diese fließen vom Bund und Land nach Magdeburg und bedeuten einen Nettozustrom von Geld in die Stadt, der in ihre Geschäfte und Steuerkassen fließt. Geht man von rund 800 Euro pro Flüchtling und Monat aus, die dieser nach Magdeburg transferiert, reden wir hier von 480 Mio. Euro. Vermutlich kommt durch Netzwerkeffekte nochmal dieselbe Summe hinzu, also rund eine Milliarde. Im Angesicht eines kommunalen BIPs von rund 7 Mrd. sind das rund 15% Wachstum innerhalb kurzer Zeit. Das sind keine Peanuts.

Spannend wird es, wenn die Neuankömmlinge nach kurzer Zeit für die dann entstehenden Subkulturen Geschäfte, Dienstleistungsunternehmen, Restaurants, Vereine, Handelsgeschäfte usw. eröffnen, studieren gehen, in der Hierarchie aufsteigen und Geld verdienen. In einigen Jahren wird sich eine florierende Subkultur entwickelt haben, die mit Wahrscheinlichkeit darüber hinaus ausstrahlt und Kapital nach Magdeburg holt. Berlin im Kleinen also, mit all seinen Facetten, wenngleich natürlich mit deutlich geringerer Dynamik.

Es müssen weiterhin Häuser und Infrastruktur gebaut werden, vielleicht Moscheen, Sportplätze, Spielplätze, Hamams, Vereinshäuser, Schulen und vieles mehr. Die Steuereinnahmen steigen in dem Maße, wie die Neuankömmlinge sich in den Wirtschaftskreislauf integrieren und vermögend werden und nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen sind. Das kann innerhalb weniger Jahre geschehen. Und plötzlich ist Magdeburg nicht mehr eine schrumpfend-stabile Stadt, sondern ein prosperierendes Zentrum, das in Richtung "Augenhöhe mit Leipzig" marschiert.


 Gesellschaft


Das größte Problem wird unsere gesellschaftliche Toleranzgrenze und die Formungskapazität für solche Menschenmassen sein. 50.000 unter 230.000 können problemlos Subkulturen bilden und sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft abschotten. Das kann gut oder schlecht oder auch indifferent sein, aber es würde passieren. Man könnte die Ansiedlung daher auf Grundlage einer guten Durchmischung betreiben, so dass keine Ausländerghettos entstehen - oder man setzt explizit auf solche, muss sich dann aber sehr wohl mit den daraus resultierenden Problemen auseinandersetzen. Das wären heikle Aufgaben, die entschlossen angegangen werden müssten, um - benutzen wir einfach diese Formulierung - die christlich-humanistisch-demokratisch-bürgerlich geprägte deutsche Kultur den Neuankömmlingen so nahe zu bringen, dass sie sie zumindest respektieren, besser aber noch adaptieren und mit weiterentwickeln.

Klar ist, Magdeburg würde ein anderes Gesicht erhalten. Allerdings kann man mit Fug und Recht sagen, dass gegenüber der reichlich mehltauigen Gesellschaft, die heute in der Stadt das Sagen hat, ein solcher Trubel durchaus eine interessante Note einbringen würde.


 Realität


Die Realität sieht - für ganz Sachsen-Anhalt - deutlich gelassener aus. Nach dem aktuellen Verteilverfahren werden von den zu erwartenden 850.000 Flüchtlingen aus 2015 nur rund 25.000 nach Sachsen-Anhalt geschickt. Abseits von der konkreten Aufgaben, damit umzugehen, sind gerade mal 1,1% der aktuellen sachsen-anhaltischen Bevölkerung. Gesellschaftlich und demographisch betrachtet ist das, wie ich schon schriebnext to nothing. Es ist so, als kämen zum Fußballspiel in die Arena zu den vorhandenen 25.000 Zuschauern nochmal 275 Leute mehr. Das interessiert kein Schwein, das bemerken wir weder im Stadion noch in unserem Lebensalltag. Hierdurch verändert sich unser Land nicht. Insofern kann man hier auch mal ganz entspannt aussagen, dass uns diese Zahlen nicht aus der Bahn werfen sollten. Ja, damit muss man umgehen und ja, damit haben wir nicht gerechnet. Aber so ist das Leben eben. Die Herausforderungen suchen uns, nicht umgekehrt. Wenn mit sowas nicht zurecht kommen, dann sind wir im Angesicht unseres Wohlstands und unserer Möglichkeiten einfach jämmerliche Versager. Also keine Angst. 

Und könnte so ein Plan Realität werden? 50.000 neue Menschen in eine Stadt aufnehmen? Eher nicht, dazu fehlt es allen politisch und institutionell Handelnden sowohl am nötigen Vorstellungsvermögen und der kognitiven Wendigkeit, um es zu versuchen. Man bräuchte sozusagen Eier in der Hose. Aber ein spannendes Experiment wäre es allemal.