Sonntag, 21. November 2010

Grüne Leere oder warum der Wähler auch mit der Realität konfrontiert werden sollte

Die Grünen sind momentan politisch ganz groß in Mode. Zwischen 15 und 30 Prozent an Wählerstimmen werden ihnen auf Landes- und Bundesebene zugetraut. Das ist durchaus erstaunlich, gibt es doch nichts, was sie aktiv getan hätten, um sich dieses Vertrauen zu erarbeiten. Denn die Grünen verfolgen seit Jahren wenig Strategie außerhalb ihrer Kernkompetenz, dem "Dagegen-Sein". Sie sind grundsätzlich gegen alles: gegen Kernenergie, aber auch gegen Pumpspeicherkraftwerke, sofern diese bei ihnen vor Ort gebaut werden sollen (woher der Strom dann kommen soll, wissen sie nicht, halt von woanders her. Aber Strom benutzen wollen sie natürlich trotzdem). Sie sind gegen Autobahnausbau und Straßenbau, denn die verschandeln die Landschaft (aber sie und ihre Klientel wohnen selbst zu gern in den grünen Speckgürteln der Großstädte und fahren selbstredend mit dem Mini oder Smart in die Stadt zum Arbeiten, "weil die S-Bahn doch so weit weg ist"). Sie sind gegen Fabrikansiedlungen auf der grünen Wiese, mit denen Arbeitsplätze entstehen würden (denn sie selbst arbeiten überwiegend im öffentlichen Dienst und dort muss man sich um seinen Arbeitsplatz eher selten sorgen). Sie sind gegen CO2-Einlagerung (haben aber auch keine Idee, wohin sonst mit dem unweigerlich entstehenden CO2, dass man eigentlich irgendwie einfangen möchte).

Insgesamt kann man feststellen, dass die Grünen eine bequeme Neinsager-Partei geworden sind, die eine bequeme Wohlstandsklientel ohne große ideologische Ansprüche, dafür mit umso mehr moralischer Attitüde vertritt. Grünen-Wähler haben sich heute meist im mittleren oder höheren, wohlverdienenden Beamtenstatus oder unter gutverdienenden Selbständigen angesiedelt, ihnen geht es kaum um den gesamtgesellschaftlichen Anspruch. Sie wollen ihre materiell abgesicherte Welt mit ein wenig moralischem Zucker aufhübschen. Das ist natürlich legitim, aber dennoch armselig. Statt Verhaltensänderung delegiert man hier lieber.

Daher ist ihnen die SPD zu zerrissen, die CDU zu altbacken, die FDP zu realistisch und die Linke... naja, die geht halt nicht, wenn's einem materiell gut geht. Da kommen die Grünen mit ihrer profillosen Nach-Fischer-Ära nur recht. Denn sie sind gegen jedes noch nicht zu 200% erprobte, abgesicherte, tausendfach geprüftes und gegengeprüftes Vorhaben, dass bei seiner Umsetzung eventuell, unter Umständen, möglicherweise, vielleicht und nicht hunderprozentig auszuschließend ein klitzekleines Risiko in sich trägt, dass bei seiner Durchführung irgendwo ein Sack Reis umfällt. Das kommt dem risikoscheuen, durchschnittlich informierten aber moralisch umso festerem Deutschen natürlich gerade recht: denn die Partei, welche Computer bei ihrem Aufkommen in den 80er Jahren noch allen Ernstes für schlimmes Unheil hielt, hat sich eines auf die Fahne geschrieben: jegliches Experimentieren, jegliches Probieren, jegliches Austesten von Möglichkeiten ist böse. Die durch diese Fortschrittsfeindlichkeit entstehenden Lasten können immer irgendwo anders aufgebürdet werden, aber niemals einem selbst, niemals vor Ort, niemals bei mir. Das sind die Grünen im Jahr 2010 und sie sind eine feige Partei, für die ich mich schämen muss, dort einmal Mitglied gewesen zu sein.

Ich würde mir daher für den grünen Wohlfühlwähler eine Lehrstunde wünschen: die deutschen Atomstromkonzerne mögen sich doch im Vorfeld der kommenden Landtagswahlen erlauben, die deutschen Kernkraftwerke für ein paar Tage aus Gründen von Sicherheitsinspektionen vom Netz zu nehmen. Der Wähler möge dadurch in den Genuss des interessanten Effekts einer unregelmäßig funktionierenden Stromversorgung kommen - also exakt des Effektes der eintritt, wenn Grüne regieren. Es interessierte mich brennend, wie der moralisch angepasste und selbstgerechte deutsche Grünen-Wähler seine Haltung zum Kernenergie-Hass und zu seiner ethischen Überlegenheit rechtfertigt, wenn er nur noch sechs Stunden Strom am Tag hat. Es interessierte mich ebenso brennend, wie die Grünen diese handfeste Demonstration der unmittelbaren und konkreten, akut auch nicht vermeidbaren Folgen ihrer politischen "Strategie" erklären, rechtfertigen und verteidigen würden, wenn es in den Wohlstandshaushalten ihrer Wohlstandswähler an der Grundressource der modernen Zivilisation fehlt: einer kontinuierlichen Stromversorgung. Weitere solch lustigen Beispiele lassen sich recht problemlos finden, bei Straßen, Einkaufszentren,, neuen Technologien, Gewerbegebieten oder jedem anderen Projekt, das man aus politischer Attitüde heraus attackieren kann. 

Und nein, man kann nicht unterstellen, ich würde hier allzu hart mit einer nicht-liberalen Partei ins Gericht gehen. Sehr zum Leidwesen meiner eigenen Partei wird diese von mir am meisten und häufigsten- und wie ich meine auch vollkommen zurecht - kritisiert. Denn natürlich ist man gerade denjenigen gegenüber am kritischsten, welche die eigenen Interessen vertreten - oder dies im Fall der aktuell, liberalen Regierungsbeteiligten zumindest vorgeben zu tun. Darüber darf nicht vergessen werden, dass die politische "Strategie" der Grünen staats- und gesellschaftspolitisch noch wesentlich dümmer ist und für das Land verheerend wäre. Mit den Grünen an den Schaltstellen der Macht wird es in den betroffenen Gebieten zu politisch ausgelöstem Stillstand kommen - und der ist gleichbedeutend mit Rückschritt. Das werden die Bundesländer zu spüren bekommen, in welchen die Grünen 2011 an die Macht gespült werden. Wir werden sehen, ob ihr Absturz ähnlich hart, steil und genauso selbstverschuldet sein wird, wie der der FDP im Jahr 2010. Es ist zu wünschen... und ihnen natürlich nicht minder zu gönnen. Denn Hochmut kommt immer vor dem Fall.