Donnerstag, 16. Mai 2019

Merkel bleibt bis zum Schluss

Was haben sie nicht alle geraunt und geweissagt. Nachdem Angela Merkel ankündigte, nicht erneut für das Amt des CDU-Parteivorsitzes zu kandidieren, waren die Zeitungen voll mit Unkenrufen. "Ihre Kanzlerschaft sei nicht mehr zu retten" und natürlich haben sich immer wieder Leute entblödet, ihren Rücktritt als Kanzlerin zu fordern.

Dabei hat Merkel genau das gemacht, was sie seit ihrem Griff nach dem CDU-Vorsitz mit der Wahl zur Generalsekretärin 1998 getan hat: sie hat ihren Plan durchgezogen. Und der ist weder schwer zu erraten noch nebulös: zum einen will und wird sie auf keinen Fall so enden wie ihr einstiger Mentor, Helmut Kohl, aus dem Amt gejagt und getrieben und im Nachhinein zur Seite gedrängt. Oder wie Helmut Schmidt, der schmachvoll abgesetzt wurde. Sie will selbstbestimmt sagen, wann Schluss ist. Gleichzeitig war ihr klar, dass fünf Amtszeiten zu viel und zu lang sind, sowohl persönlich als auch politisch. Irgendwann muss in einer Demokratie immer ein neuer ran. Das war ihr nach dem beschwerlichen Weg zur letzten großen Koalition, auf dem sie so vieles falsch gemacht hat, ohnehin deutlich bewusst.

Insofern war der beste Zeitpunkt, um einem Nachfolger Platz zu machen, direkt im ersten Jahr der letzten Amtszeit. Sie hatte da noch drei Jahre als Kanzlerin vor sich, genug Zeit, um ein politisches Vermächtnis auf den Weg zu bringen und sich den großen, europäischen und nationalen Dingen zu widmen, ohne sich noch Gedanken um deren Popularität machen zu müssen. Aber Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie jetzt plötzlich auf die Pauke hauen würde.

Das Thema "Merkels Rückzug von der Kanzlerschaft" ist nach kurzem Aufwühlen völlig von der Diskussionsfläche verschwunden. Inzwischen hat auch der Dümmste gemerkt, dass Merkel keinerlei Ansinnen hat, sich vor dem Ende ihrer regulären Amtszeit zu verabschieden sondern eben ganz normal, ganz gemäß den Regeln einer parlamentarischen Demokratie. Und ihrer Nachfolgerin fehlt schlicht die Macht, um Merkel zu verdrängen - wie auch der Wille.

Ich nehme ihr problemlos ab, dass sie sich dem geleisteten Eid verpflichtet fühlt und ihre Aufgabe wahrnimmt. Ob sie das gut oder schlecht oder mittelprächtig tut, ist dabei völlig sekundär. Es gab vor ihr und wird nach ihr bessere und schlechtere Kanzler geben. Sie hat Deutschland in einer Zeit zu führen begonnen, als noch die Reste einer alten Weltordnung der Post-Kalter-Krieg-Ära galten und sie beendet ihr Amt in einer Welt, die in Klimakatastrophe gleitet und unter lauter Demagogen und Egomanen, zwischen denen sie sich wie eine Kindergärtnerin vorkommen muss. Die letzten 14 Jahre waren für Deutschland, ungleich zu so vielen anderen Ländern auf der Welt, wirtschaftlich und weltpolitisch eine Erfolgsgeschichte. Und auch wenn der Einfluss von Regierungspolitik auf das Leben der Menschen zumeist deutlich überschätzt wird, so hat sie doch ihren Anteil daran, ob es ihnen gut oder schlecht geht.

Den meisten Menschen in Deutschland geht es heute gut. Und auch mehr Menschen als je zuvor in diesem Land. Daran hat sie ihren Anteil. Und ihr Abgang wird eine Zäsur, aber es wird das Land auch nicht ruinieren. Sondern es wird ein ganz normaler Übergang von einem demokratisch gewählten "Leader" zu einem anderen. Damit kann man ganz zufrieden sein. Viele Länder auf der Welt bekommen das weitaus schlechter hin.

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