Beim Ansehen der Amtseinführung von Donald Trump habe ich eher auf den scheidenden Präsidenten Obama geachtet, seine Mimik und sein Verhalten. Es war - immer wenn er zu sehen war - tadellos, freundlich, er hat gelacht. Was für ein Gegensatz zu seinem Nachfolger, der bereits in seiner sehr kurzen Rede klarstellte, wo es hingehen würde: America first, Partner unwichtig, grimmiger Blick.
Bei genauerem Überlegen ist es kein Wunder, das Obamas letzter Anruf bei einem ausländischen Staatsoberhaupt Angela Merkel galt. Sie ist zum einen der einzige, wichtige Regierungschef, den er von Anfang an kennt und erlebt hat und der noch im Amt ist (Putin mal ausgenommen und mit dem will man nicht befreundet sein). Es war also eine Geste unter Freunden, soweit das Politikern auf dieser Ebene eben möglich ist und eine Anerkennung unter zwei Menschen, die um die Lasten ihrer Aufgabe wissen. Wichtiger noch scheint mir: beide, Obama und Merkel, sind dezente Menschen und es auch geblieben, trotz der Tatsache, dass sie sich an die Spitzen der Macht vorgearbeitet haben. Sie haben eine zurückhaltende Amtsführung betrieben und nur an den Stellen Führungsstärke gezeigt, wo es darauf ankam. Obama bspw. bei der Jagd nach bin Laden und ACA, Merkel in der Finanz- und der Flüchtlingskrise. Beide denken zuerst nach, bevor sie handeln und sind allgemein der Ansicht, dass Aufgaben von dem erledigt werden sollten, der dafür zuständig ist. Das unterscheidet sie von allen Autokraten und auch von vielen ihrer demokratisch gesinnten Amtskollegen, die sie kommen und gehen sehen haben. Beide sind hoch gebildet und denken komplex statt einfach und haben versucht, in ihrer Amtsführung sachlich und faktisch basiert statt emotionalisiert handeln und sich nicht treiben zu lassen.
Mir ist dadurch auch verständlicher geworden, warum beide heute von einem Teil der Bevölkerung so sehr angefeindet werden. All diejenigen, die heute "Danke Merkel" und "Merkel muss weg" schreien, genauso wie ihre Pendants in den USA, sind sich auf einer unterschwelligen Ebene sehr bewusst, dass sie selbst als Mensch dem Vergleich mit ihren Regierungschef nicht standhalten würden. Sie spüren, dass sie selbst weder zum Führer taugen noch ganz allgemein im Alltag besonders gute Menschen sind. Wie könnten sie das auch: wenn es darauf ankommt, versagen sie: sie weisen den Schutz- und Hilfesuchenden die Tür, sie feinden die Schwachen an und neiden selbst denen, die noch weniger haben, ihren wenigen Besitz. Es sind sehr offenkundig in der Mehrheit die Verbiesterten, die Gemeinen und die Fiesen, die sich bei uns in der AfD oder in den USA bei der Tea Party sammeln.
Unter diesen Anfeindungen zu arbeiten und auch als Mensch zu leben und dabei nicht der Versuchung zu erliegen, mit den Mittel des Amtes explizit gegen diese Gruppen vorzugehen, kann man Obama und Merkel hoch anrechnen. Schließlich haben sie mit Putin, Erdogan, Assad, Duterte und Co. ja genug Beispiele, das man es auch anders machen kann, das man seine Macht egoistisch missbrauchen und für seine Privatzwecke instrumentalisieren kann. Nichts davon war und ist bei Obama und Merkel jemals zu spüren.
Persönlich möchte ich nicht mit Angela Merkel den Platz tauschen. Allmählich muss sie sich ganz schön einsam vorkommen. Keiner der heutigen Regierungschefs der mächtigeren EU-Länder ist als kraftvoll zu bezeichnen oder geht ansatzweise in ihre Richtung bei der Amtsführung. Sie schnattern mehrheitlich einen nationalistischen Ton. Am ehesten ist vielleicht Theresa May auf ihrer Wellenlänge, aber ihr Land hat sich gerade für die eigene Marginalisierung entschieden. Und der wichtigste Partner außerhalb Europas, die Vereinigten Staaten, fällt gerade für mindestens eine Legislatur an eine Person, bei der man nicht abschätzen kann, ob sie nun viel, sehr viel oder irreparabel viel Schaden an dieser Welt anrichten wird. An ihm wird Merkel keine Freude haben und ich bin mir sicher, dass sie sich auch wegen Trump entschieden hat, nochmal zu kandidieren. Ich beneide sie nicht.
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Samstag, 21. Januar 2017
Freitag, 6. September 2013
Es ist an der Zeit für Krieg
Es ist an der Zeit für Krieg. Vor der Haustür der Europäischen Union befindet sich in Syrien ein diktatorisches Regime im Krieg gegen große Teile der eigenen Bevölkerung. Das syrische Regine ist keine demokratisch gewählte Regierung und es fehlt ihr daher an der Legitimität für diesen innerstaatlichen Konflikt gegen die eigene Bevölkerung. Die fehlende Legitimation der syrischen Regierung wird auch dadurch nicht wettgemacht, dass sie auch den anderen Bürgerkriegsparteien fehlt. Und da die Syrien umgebenen Staaten nicht über die Mittel und den Willen verfügen, den Bürgerkrieg zu einem akzeptablen Ende zu bringen, ist es die Pflicht der Europäischen Union als nächstgelegener, überregionaler Ordnungsmacht, einzugreifen. Das Ziel kann dabei nur sein, das herrschende Regime zu beseitigen und danach darauf hinzuwirken, dass in Syrien eine durch die Bevölkerung legitimierte Regierung ihre Arbeit aufnehmen und den Staat wieder konsolidieren kann. Nach zwei Jahren Bürgerkrieg, über 100.000 Toten, mehr als 2,6 Millionen Flüchtlingen nach außerhalb, 4 Millionen Flüchtlingen innerhalb des Landes und dem stetigen Scheitern aller diplomatischen Initiativen ist es unzweifelhaft, dass sich das syrische Regime unter Assad nicht aufhalten lassen wird. Um den Bürgerkrieg zu beenden, müssen wir in den Krieg ziehen.
Bei dieser Entscheidung müssen wir uns darüber klar sein, dass es hier nicht um eine Frage des Völkerrechts geht. Es ist eine Frage der Moral und zwar unserer eigenen. Bei dieser moralischen Fragen können und dürfen wir uns nicht auf den UN-Sicherheitsrat stützen oder beziehen. Die UNO selbst ist eine ohne Zweifel legitimierte, richtige und maßgebliche Institution, die wichtiges und großes vollbringt. Der UN-Sicherheitsrat ist es nicht. Er ist ein Relikt des letzten Jahrhunderts, geboren in der Stunde des Sieges nicht zusammen passender Partner über Deutschland und Japan und er besitzt nicht die Legitimation der demokratischen Regierungen dieser Welt. Er wird lediglich seit Jahrzehnten von fünf Staaten dieser Welt und vor allem den halbdiktatorischen Regierungen Chinas und Russlands als Blockadeinstrument für jegliche Intervention benutzt. Zu Recht nehmen sich die Vereinigten Staaten das Recht, den UN-Sicherheitsrat zu ignorieren. Wir Europäer müssen dasselbe tun und ihn außer acht lassen, denn er ist wertlos. Wir als Demokratien können uns in unserem Streben nach Gutem nicht von undemokratischen Einrichtungen oder Regimen blockieren lassen. Wenn wir das zulassen, verraten wir unser eigenen Ideale und wir verraten die Hoffnungen der Menschen, die in den geknechteten Gesellschaften der Welt den Blick nach Europa richten. Wir lassen zu, dass sich Diktatoren allzu sicher fühlen. Stattdessen müssen sie wissen, dass sie niemals sicher sind.
So ist es denn auch keine noble Zurückhaltung, keine kluge Vorsicht, die wir in diesem Konflikt üben. Es ist Feigheit. Die Feigheit der Deutschen und vieler Europäer gestattet es vielen Diktatoren und Potentaten in der unmittelbaren Umgebung, ihre Völker zu schikanieren, zu töten, zu morden, zu vergewaltigen. Es spielt dabei keine besonders große Rolle, ob der Irakkrieg nun argumentativ gerechtfertigt war, ob Afghanistan heute glücklicher ist oder ob Assad in Syrien Giftgas eingesetzt hat oder nicht. Es spielt hingegen eine Rolle, das wir die ganze Zeit wussten, dass Saddam Hussein seine Bevölkerung schikaniert und tötet. Wir wussten, das die Taliban Frauen und Mädchen verstümmeln und töten. Wir wissen, dass Assad ein Diktator ist und im Krieg gegen die eigene Bevölkerung Kinder, Frauen und Männer tötet, die unschuldig sind. Wir wissen, dass die Menschen in diesen Ländern sich ihre Diktaturen nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern dass sie in sie hinein geboren und gezwungen wurden. Wir wissen, dass wir es in unseren Demokratien besser machen. Und wir wissen, das wir lieber die Augen verschließen, als zu helfen. Aus Kleinmut und Angst um unsere Beliebtheit in der Welt sind wir zu feige, für das Richtige einzustehen. Natürlich kann man sich aus all diesen Konflikten heraushalten, weil man sich für unfähig hält, sie ordentlich zu beenden, Lösungen herbeizuführen. Das ist verständlich. Aber man darf diese Haltung nicht für "Richtig" halten, sondern muss sie als das sehen, was sie ist: Feigheit.
Die Welt hat sich gewandelt. Die Nationalstaaten beginnen, überkommen zu werden, staatliche Grenzen weichen internationalen Bündnissen, die durch das Internet befeuerte Aufklärung hat längst die ganze Menschheit erfasst und aufgeklärte Menschen lassen sich nicht auf Dauer unterdrücken. Diktaturen haben in dieser Welt keine Zukunft, diese gehört den Demokratien. Und nur sie haben das moralische Recht, Staaten anzugreifen, die keine Demokratien sind. Es ist unsere moralische Aufgabe und Pflicht, Menschen zu helfen, die in Freiheit leben wollen, denn es gibt keine Rechtfertigung und Legitimität für Diktatoren und undemokratische Regime. Es gibt keinen Grund, nichts zu tun, nur weil man zu viel Angst hat, Fehler zu begehen. Es ist daher an der Zeit, auszurücken. Das im Krieg Greuel passieren, ist so gut wie nicht vermeidbar. Auch die Guten, also wir, werden diese Greuel begehen. Bei jeglicher Intervention werden Fehler geschehen. Bundeswehrsoldaten werden Zivilisten töten und sie werden Unschuldige treffen. Wir werden diese Fehler nicht in boshafter Absicht tun, sondern weil wir Menschen sind, die Fehler machen, schlimme und weniger schlimme. Aber es muss trotzdem getan werden. Denn wenn wir nichts tun, werden mehr Zivilisten und Unschuldige leiden und sterben. In diesem Fall müssen wir Menschenleben gegeneinander aufwiegen. Es ist besser, wenn nur noch 1.000 Menschen sterben, als wenn noch 10.000 Menschen sterben. Es ist besser, wenn 10 Millionen Menschen in Freiheit leben, als wenn 10 Millionen und 1.000 noch auf Jahre oder Jahrzehnte hin unterdrückt, gefoltert und misshandelt werden und dann sterben. Das wir Fehler machen werden, ändert nichts an der Notwendigkeit, das wir nicht daneben stehen dürfen, wenn Menschen ihre ureigensten Rechte, die wir demokratischen Gesellschaften als unveräußerlich definiert haben, vorenthalten und genommen werden.
Wir müssen handeln, weil wir als Menschen nicht nur eine Verantwortung uns selbst gegenüber haben, sondern auch für andere Menschen. Und wir übernehmen diese Verantwortung gern. Als Einzelpersonen übernehmen wir selbstverständlich Verantwortung für den engen und weiteren Familienkreis, für Freunde & Verwandte, für Kollegen, Mitarbeiter, Bekannte, Vereinsmitglieder und alle, die uns irgendwie näher stehen. Als Mitglieder einer organisierten Gesellschaft übernehmen wir Verantwortung für Menschen, die wir gar nicht kennen, indem wir mit unserem Staat eine soziale Gemeinschaft bilden, in der die Stärkeren die Schwächeren unterstützen, ihnen mit sozialer, institutioneller und finanzieller Hilfe ihr Leben ermöglichen. Als Gesellschaften übernehmen wir Verantwortung, indem wir unsere Staaten nutzen, suprastaatliche Organisationen bilden und anderen Gesellschaften helfen. Die ganze Geschichte der Menschheit ist in ihrer Summe eine einzige Geschichte darüber, wie Menschen anderen Menschen helfen und wir uns in gegenseitiger Unterstützung weiterentwickeln. Demokratische Gesellschaften befördern das, sie streiten über das gerechte Maß und über Gerechtigkeit an sich, sie führen innere Debatten und wachsen daran - das zeigt gerade die Geschichte Europas seit der Aufklärung. Diktatorische Regime unterdrücken den Streit, sie hassen den Diskurs, sie morden die Kritiker oder sperren sie ein.
Aus einem tief empfundenen Verantwortungsgefühl gegenüber unserem Nächsten, unseren Mitmenschen können und dürfen wir nicht beiseite stehen, wenn es darum geht, Völkermord zu verhindern. Um es deutlich zu machen: Krieg, militärische Interventionen oder bewaffnete Konflikte sind keine guten Lösungen. Sie sind noch nicht einmal schlechte Lösungen. Aber sie sind Mittel, wenn es keine anderen gibt. Und nach 100.000 Toten weiß man, dass die Diplomatie als Mittel in Syrien nicht reicht. Man kann als moralischer Mensch nicht für Krieg sein. Man kann als moralischer Mensch aber auch nicht zusehen, wie unmoralische Menschen sich des Krieges als Mittel bedienen dürfen und dem nichts entgegensetzen. Man muss sich stattdessen die Hände schmutzig machen und in den Krieg ziehen. Die Amerikaner haben es gegen die Nationalsozialisten getan und ihre Hände sind schmutzig geworden. Aber sie haben die Menschheit, die Europäer, die Deutschen von großem Übel befreit und ihnen Freiheit gebracht. Nun müssen wir uns selbst die Hände schmutzig machen.
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Freitag, 24. Februar 2012
Moralisch erodiert aber stabiler denn je
Der Fisch stinkt vom Kopf her. Das gilt auch für Unternehmen, Vereine, Organisationen oder in der Politik. Man kann feststellen, dass sich moralisch zweifelhaftes Verhalten einer gesellschaftlichen Gruppe häufig erst durch die Deckung oder das exemplarische Vorleben durch die Führungsfiguren der Organisation etablieren kann. Das sieht man gut an der griechischen Tragödie.
Das gilt aber auch für unsere eigene Bundesregierung und hier steht - leider - die Kanzlerin selbst für die Gültigkeit des Sinnspruchs: ob es um den einwandfrei überführten Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, den durch peinliche Ausfälle auffallenden Politrowdy Ronald Pofalla, den Verfassungsignoranten Hans-Peter Friedrich oder den moralisch ambivalenten, ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geht: sie alle wurden und werden von Angela Merkel auch dann noch im Amt belassen, selbst wenn sie sich als moralisch höchst ungeeignet erwiesen haben.
Zu Guttenberg wurde von ihr auch nach der zweifelsfreien Überführung seiner Tat gehalten und trat erst nach massivem öffentlichem Druck zurück. Ihre Aussage "„Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt.“ mag man ja als Loyalität zu einem Untergebenen werten, ist in Wirklichkeit jedoch Sturheit. Pofalla darf ungeschoren den Bundestag zur Pöbelstube machen und im Fall des Innenministers ist sogar mehr drin: selbst Verfassungsbruch rechtfertigt in der Regierung Merkel immer noch nicht die Entlassung aus dem Amt. Und der Amtsinhaber des einen Amtes der Republik, in dem es wie in keinem anderen auf moralische Integrität ankommt, wurde ebenfalls so lange von ihr gehalten, bis die Staatsanwaltschaft ankommen und für sie den dreckigen Job machen musste. Hier wird Sturheit zu Ignoranz - und auch Feigheit vor der Wahrheit.
Statt solche Minister aus ihrem Amt zu entfernen (oder Wulff zum Rücktritt aufzufordern) duldet sie diese und lässt die zurecht wogende öffentliche Kritik daran stets an sich abperlen. Im Lauf der Zeit ist hier deutlich geworden, dass sie um jeden Preis vermeiden will, in der Öffentlichkeit zugeben zu müssen, das sie einen Fehler bei der Wahl der jeweiligen Person gemacht hat. Im Nachhinein hat sie auch über diejenigen, welche gehen mussten, nicht mehr gesprochen, sondern den Mantel des Schweigens gedeckt. Was das für ein Vorbild an Moralität abgibt, ist klar: keines. Sich dann darüber zu wundern, das sich ganze Bevölkerungsschichten daran ein Beispiel nehmen, ist realitätsfern. Statt den Menschen ein Vorbild zu sein, stiftet die Kanzlerin also eher selber zu moralisch zweifelhaftem Verhalten an - nicht durch sich selbst, sondern durch ihr Umfeld, in dem sie duldet, was sie selbst nicht betreibt, betreiben kann oder will.
Und eigentümlicherweise nehmen die Deutschen ihr die ganzen personellen Fehltritte in keinster Weise übel. Im Gegenteil ist sie populärer denn je, ganz so, als ob sie unter den ganzen zweifelbehafteten Gestalten, mit denen sie sich umgibt, umso weißer herausstrahlte, je trüber ihre Gesellschaft ist. Und das ist schon eine bemerkenswerte Tatsache, denn schließlich ist es ja die Kanzlerin selbst, welche all die moralisch fragwürdigen Personen in ihre Ämter gebracht hat und in diesen hält. Das sich das in keiner Weise auf das ihr entgegengebrachte Vertrauen niederschlägt, verwundert mich und und macht auch ein wenig ratlos. Denn letztlich ist ohne Moral Alles nichts.
Das gilt aber auch für unsere eigene Bundesregierung und hier steht - leider - die Kanzlerin selbst für die Gültigkeit des Sinnspruchs: ob es um den einwandfrei überführten Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, den durch peinliche Ausfälle auffallenden Politrowdy Ronald Pofalla, den Verfassungsignoranten Hans-Peter Friedrich oder den moralisch ambivalenten, ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geht: sie alle wurden und werden von Angela Merkel auch dann noch im Amt belassen, selbst wenn sie sich als moralisch höchst ungeeignet erwiesen haben.
Zu Guttenberg wurde von ihr auch nach der zweifelsfreien Überführung seiner Tat gehalten und trat erst nach massivem öffentlichem Druck zurück. Ihre Aussage "„Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt.“ mag man ja als Loyalität zu einem Untergebenen werten, ist in Wirklichkeit jedoch Sturheit. Pofalla darf ungeschoren den Bundestag zur Pöbelstube machen und im Fall des Innenministers ist sogar mehr drin: selbst Verfassungsbruch rechtfertigt in der Regierung Merkel immer noch nicht die Entlassung aus dem Amt. Und der Amtsinhaber des einen Amtes der Republik, in dem es wie in keinem anderen auf moralische Integrität ankommt, wurde ebenfalls so lange von ihr gehalten, bis die Staatsanwaltschaft ankommen und für sie den dreckigen Job machen musste. Hier wird Sturheit zu Ignoranz - und auch Feigheit vor der Wahrheit.
Statt solche Minister aus ihrem Amt zu entfernen (oder Wulff zum Rücktritt aufzufordern) duldet sie diese und lässt die zurecht wogende öffentliche Kritik daran stets an sich abperlen. Im Lauf der Zeit ist hier deutlich geworden, dass sie um jeden Preis vermeiden will, in der Öffentlichkeit zugeben zu müssen, das sie einen Fehler bei der Wahl der jeweiligen Person gemacht hat. Im Nachhinein hat sie auch über diejenigen, welche gehen mussten, nicht mehr gesprochen, sondern den Mantel des Schweigens gedeckt. Was das für ein Vorbild an Moralität abgibt, ist klar: keines. Sich dann darüber zu wundern, das sich ganze Bevölkerungsschichten daran ein Beispiel nehmen, ist realitätsfern. Statt den Menschen ein Vorbild zu sein, stiftet die Kanzlerin also eher selber zu moralisch zweifelhaftem Verhalten an - nicht durch sich selbst, sondern durch ihr Umfeld, in dem sie duldet, was sie selbst nicht betreibt, betreiben kann oder will.
Und eigentümlicherweise nehmen die Deutschen ihr die ganzen personellen Fehltritte in keinster Weise übel. Im Gegenteil ist sie populärer denn je, ganz so, als ob sie unter den ganzen zweifelbehafteten Gestalten, mit denen sie sich umgibt, umso weißer herausstrahlte, je trüber ihre Gesellschaft ist. Und das ist schon eine bemerkenswerte Tatsache, denn schließlich ist es ja die Kanzlerin selbst, welche all die moralisch fragwürdigen Personen in ihre Ämter gebracht hat und in diesen hält. Das sich das in keiner Weise auf das ihr entgegengebrachte Vertrauen niederschlägt, verwundert mich und und macht auch ein wenig ratlos. Denn letztlich ist ohne Moral Alles nichts.
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Freitag, 10. Februar 2012
Wullf muss gehen
Man sollte seine Meinung ändern, wenn man im Lauf der Zeit zu Erkenntnissen gelangt, die die Basis der bisherigen Meinung erodieren. Mir geht es jetzt mit dem Bundespräsidenten so. Anfang Januar schrieb ich, dass ich die Treibjagd auf Wulff nervtötend finde, sein Verhalten nicht weiter bemerkenswert und viele andere Themen für wichtiger halte. Zwar halte ich immer noch viele andere Themen für wichtiger, aber meine Ansicht über Wulff habe ich geändert.
Nachdem ich die letzten Wochen kaum noch etwas zu dem Thema gelesen habe, weil ich meine Zeit nicht damit verschwenden wollte, mir über Wulff Gedanken zu machen, habe ich die Sache in den letzten Tagen doch noch hin- und wieder verfolgt. Was meine Ansicht nun geändert hat, ist die Frage des Maßes, mit dem gemessen wird. Überlegt man sich, wie sich Wulff all die Jahre immer wieder diesen oder jenen Vorteil hat zustecken lassen, dann ist das für sich genommen noch nicht unbedingt schändlich oder moralisch sonderlich verwerflich. Betrachtet man aber im gleichen Zuge, dass sich die deutsche Beamtenschaft extrem strengen Antikorruptionsregeln unterwerfen muss und ein Beamter bei gleichem Treiben längst entlassen worden wäre, dann wird eine Ungerechtigkeit daraus [1]. Man muss sich fragen: warum darf der Bundespräsident etwas, was seinen Untergebenen verboten ist, wenn es dabei um die Tragweite moralischer und ethischer Handlungen geht?
Vollends zur Farce wird es dann, wenn sich gerade dieser Mensch als jemand inszeniert (hat), dem moralisches Handlung besonders am Herzen liegt. Man betrachte diesen Satz: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich [...] offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reise-Kassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes [...] dar.“ [2]
Klingt ganz so, als wäre das ein aktuelles Statement von Sigmar Gabriel über Wullf, ist aber von Wulff über Johannes Rau.Als Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag verfolgte Wulff 1999 in geradezu wadenbeißerischer Manier den damaligen Ministerpräsidenten Glogowski, der eine vergleichsweise harmlose Sponsoringaffäre im Haus hatte. Glogowski hatte jedoch den Anstand, zurückzutreten, und wurde danach trotzdem noch weiter von Wulff attackiert, der forderte, dessen Pension bzw. Übergangsgeld zu kürzen. [3] Da kann einem schon das Lachen im Halse stecken bleiben, das Wulff nun genau dasselbe tut, was er damals anderen vorgeworfen hat. Dies macht in besonderem Maße seine Unredlichkeit aus und zeigt sehr deutlich seine charakterliche Schwäche und Nichteignung für das Amt. Man kann auch sagen: "Gewogen, und für zu leicht befunden." In seinem Fall offensichtlich viel zu leicht.
Letztlich kann ich doch bei meinem Satz von Anfang Januar bleiben: "Ich habe das Interesse verloren und bekenne: ich lese keine Artikel über Christian Wulff mehr." Nun aber deswegen, weil ich den Respekt vor ihm verloren habe und ihn nicht als die moralisch-ethische Instanz anerkenne, die der Bundespräsident nun mal zu sein hat. Und weil das inzwischen rund 80% der Deutschen so sehen, muss Wulff gehen. Merkel wird sich einen neuen Präsidenten suchen müssen.
Nachdem ich die letzten Wochen kaum noch etwas zu dem Thema gelesen habe, weil ich meine Zeit nicht damit verschwenden wollte, mir über Wulff Gedanken zu machen, habe ich die Sache in den letzten Tagen doch noch hin- und wieder verfolgt. Was meine Ansicht nun geändert hat, ist die Frage des Maßes, mit dem gemessen wird. Überlegt man sich, wie sich Wulff all die Jahre immer wieder diesen oder jenen Vorteil hat zustecken lassen, dann ist das für sich genommen noch nicht unbedingt schändlich oder moralisch sonderlich verwerflich. Betrachtet man aber im gleichen Zuge, dass sich die deutsche Beamtenschaft extrem strengen Antikorruptionsregeln unterwerfen muss und ein Beamter bei gleichem Treiben längst entlassen worden wäre, dann wird eine Ungerechtigkeit daraus [1]. Man muss sich fragen: warum darf der Bundespräsident etwas, was seinen Untergebenen verboten ist, wenn es dabei um die Tragweite moralischer und ethischer Handlungen geht?
Vollends zur Farce wird es dann, wenn sich gerade dieser Mensch als jemand inszeniert (hat), dem moralisches Handlung besonders am Herzen liegt. Man betrachte diesen Satz: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich [...] offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reise-Kassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes [...] dar.“ [2]
Klingt ganz so, als wäre das ein aktuelles Statement von Sigmar Gabriel über Wullf, ist aber von Wulff über Johannes Rau.Als Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag verfolgte Wulff 1999 in geradezu wadenbeißerischer Manier den damaligen Ministerpräsidenten Glogowski, der eine vergleichsweise harmlose Sponsoringaffäre im Haus hatte. Glogowski hatte jedoch den Anstand, zurückzutreten, und wurde danach trotzdem noch weiter von Wulff attackiert, der forderte, dessen Pension bzw. Übergangsgeld zu kürzen. [3] Da kann einem schon das Lachen im Halse stecken bleiben, das Wulff nun genau dasselbe tut, was er damals anderen vorgeworfen hat. Dies macht in besonderem Maße seine Unredlichkeit aus und zeigt sehr deutlich seine charakterliche Schwäche und Nichteignung für das Amt. Man kann auch sagen: "Gewogen, und für zu leicht befunden." In seinem Fall offensichtlich viel zu leicht.
Letztlich kann ich doch bei meinem Satz von Anfang Januar bleiben: "Ich habe das Interesse verloren und bekenne: ich lese keine Artikel über Christian Wulff mehr." Nun aber deswegen, weil ich den Respekt vor ihm verloren habe und ihn nicht als die moralisch-ethische Instanz anerkenne, die der Bundespräsident nun mal zu sein hat. Und weil das inzwischen rund 80% der Deutschen so sehen, muss Wulff gehen. Merkel wird sich einen neuen Präsidenten suchen müssen.
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Freitag, 6. Januar 2012
Treibjagd 2.0
Bereits in einem früheren Beitrag ging ich auf die Rolle der Medien ein, ihr häufiges Versagen ein und wie häufig sie lediglich der Lieferant einer eher mittelmäßigen Darstellung der Wirklichkeit. Seither belegen sie diese eher peinliche Einordnung weiter.
Man muss sich im Zusammenhang mit der gesamten "Bundespräsidentenaffäre" einfach ein paar schlichte Fragen stellen: 1. Hätte ich bei einem hohen Geldbedarf eher den Kredit einer Bank oder den eines Freundes genommen? Ich würde jederzeit meine Freunde vorziehen - das hat Präsident genauso gemacht. 2. Glaubt ernsthaft jemand, Wulff hätte dem Kreditgeber irgendetwas dafür an politischer Einflussnahme gegeben? Das ist lachhaft, nein. Die Opposition wirft nur peinliche Nebelkerzen a'la "es sind noch Fragen offen", weiß aber nicht, was genau denn noch offen sei. 3. Würde jemand nicht im toll gelegenen Ferienhaus von Freunden seinen Urlaub verbringen, wenn er darf? Natürlich nicht, wir würden es alle so machen.
Betrachtet man die Vorwürfe im hellen Tageslicht, ohne Verschwörungsdenken, bleibt nichts übrig, was nicht jeder deutsche Bürger auch so machen würde. Was sich Wulff vorwerfen lassen muss, ist sein peinlicher Umgang mit der Presse, sowohl früher als auch heute. Nie hätte er sich zu Dummheiten wie Anrufbeantworternachrichten, Drohungen oder scheibchenweiser Wahrheit hinreißen lassen dürfen. Dieses Denken ist veraltet und funktioniert heute nicht mehr. Er hätte sensibler sein können, was die Inanspruchnahme von Gefälligkeiten von Freunden angeht, aber das zweitrangig. Der entscheidende Punkt ist, das das Thema derart langweilig ist, dass ich nichts mehr darüber lesen will und lese.
Denn weder ist die Pressefreiheit in Gefahr noch ist es das Amt noch ist es die Demokratie. Alles, was hier passiert, ist, dass sich Journalisten und Meinungsmacher auf ein halbwegs waidwundes Opfer stürzen um es endgültig zur Strecke zu bringen. Treibjagd 2.0 sozusagen, nachdem man schon die FDP zu Fall gebracht hat. Leider verdrängt das belanglose Geschwafel alle wichtigeren Themen: wie sieht es mit Europa in diesem Jahr aus? Kommen Griechenland, Spanien und Portugal auf die Beine und ihre Schulden in den Griff? Was treibt Monti in Italien und schafft er es, das Land zu reformieren? Agieren die griechischen Gewerkschaften weiter verantwortungslos? Kommt Deutschland weiter gut durch die Krise? Wie läuft es im Herzen des amerikanischen Wahlkampfes und was passiert mit den USA? Enttäuscht Barack Obama weiterhin alle in ihn gesetzten Erwartungen? Was ist mit Guantanamo und den entrechteten Gefangenen? Was passiert mit unserer Energieversorgung nach dem Atomausstieg? Was ist mit der globalen Erwärmung? Was ist mit der zunehmenden Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen, der Desertifikation, dem Anstieg des Meeresspiegels oder dem Verhalten der Konsumenten bei der ungehemmten Verschwendung unserer natürlichen Lebensgrundlagen? Was ist eigentlich aus Fukushima geworden und wie geht es den zehntausenden Flüchtlingen, die um ihr Hab, Gut, Gesundheit und Zukunft gebracht wurden? Was ist mit den rechtsnationalistischen Tendenzen in unserer Demokratie? Wie sieht es mit unserer demographischen Entwicklung aus? Können wir die (endlich) wieder zunehmende Zuwanderung sinnvoll steuern?
Es gäbe unendlich viel zu berichten, zu recherchieren, zu entdecken. Stattdessen klammert sich die Medienlandschaft in gähnend langweiliger Weise an ein gähnend langweiliges Thema, der Spiegel veranstaltet zusammen mit dem populistischen deutschen Hetzblatt und dessen Chefredakteur eine würdelose Hetzjagd auf einen glücklosen und ungeschickten Bundespräsidenten. Man muss wohl bekennen: dieses Land kann keine Probleme haben, wenn es dieses Thema so lange ganz oben im öffentlichen Interesse hält. Oder ist es gar kein öffentliches Interesse, sondern nur das einer Teilgruppe der Gesellschaft, die einfach einen Aufreger braucht, an dem sie sich abreagieren kann? Ich habe das Interesse verloren und bekenne: ich lese keine Artikel über Christian Wulff mehr.
Man muss sich im Zusammenhang mit der gesamten "Bundespräsidentenaffäre" einfach ein paar schlichte Fragen stellen: 1. Hätte ich bei einem hohen Geldbedarf eher den Kredit einer Bank oder den eines Freundes genommen? Ich würde jederzeit meine Freunde vorziehen - das hat Präsident genauso gemacht. 2. Glaubt ernsthaft jemand, Wulff hätte dem Kreditgeber irgendetwas dafür an politischer Einflussnahme gegeben? Das ist lachhaft, nein. Die Opposition wirft nur peinliche Nebelkerzen a'la "es sind noch Fragen offen", weiß aber nicht, was genau denn noch offen sei. 3. Würde jemand nicht im toll gelegenen Ferienhaus von Freunden seinen Urlaub verbringen, wenn er darf? Natürlich nicht, wir würden es alle so machen.
Betrachtet man die Vorwürfe im hellen Tageslicht, ohne Verschwörungsdenken, bleibt nichts übrig, was nicht jeder deutsche Bürger auch so machen würde. Was sich Wulff vorwerfen lassen muss, ist sein peinlicher Umgang mit der Presse, sowohl früher als auch heute. Nie hätte er sich zu Dummheiten wie Anrufbeantworternachrichten, Drohungen oder scheibchenweiser Wahrheit hinreißen lassen dürfen. Dieses Denken ist veraltet und funktioniert heute nicht mehr. Er hätte sensibler sein können, was die Inanspruchnahme von Gefälligkeiten von Freunden angeht, aber das zweitrangig. Der entscheidende Punkt ist, das das Thema derart langweilig ist, dass ich nichts mehr darüber lesen will und lese.
Denn weder ist die Pressefreiheit in Gefahr noch ist es das Amt noch ist es die Demokratie. Alles, was hier passiert, ist, dass sich Journalisten und Meinungsmacher auf ein halbwegs waidwundes Opfer stürzen um es endgültig zur Strecke zu bringen. Treibjagd 2.0 sozusagen, nachdem man schon die FDP zu Fall gebracht hat. Leider verdrängt das belanglose Geschwafel alle wichtigeren Themen: wie sieht es mit Europa in diesem Jahr aus? Kommen Griechenland, Spanien und Portugal auf die Beine und ihre Schulden in den Griff? Was treibt Monti in Italien und schafft er es, das Land zu reformieren? Agieren die griechischen Gewerkschaften weiter verantwortungslos? Kommt Deutschland weiter gut durch die Krise? Wie läuft es im Herzen des amerikanischen Wahlkampfes und was passiert mit den USA? Enttäuscht Barack Obama weiterhin alle in ihn gesetzten Erwartungen? Was ist mit Guantanamo und den entrechteten Gefangenen? Was passiert mit unserer Energieversorgung nach dem Atomausstieg? Was ist mit der globalen Erwärmung? Was ist mit der zunehmenden Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen, der Desertifikation, dem Anstieg des Meeresspiegels oder dem Verhalten der Konsumenten bei der ungehemmten Verschwendung unserer natürlichen Lebensgrundlagen? Was ist eigentlich aus Fukushima geworden und wie geht es den zehntausenden Flüchtlingen, die um ihr Hab, Gut, Gesundheit und Zukunft gebracht wurden? Was ist mit den rechtsnationalistischen Tendenzen in unserer Demokratie? Wie sieht es mit unserer demographischen Entwicklung aus? Können wir die (endlich) wieder zunehmende Zuwanderung sinnvoll steuern?
Es gäbe unendlich viel zu berichten, zu recherchieren, zu entdecken. Stattdessen klammert sich die Medienlandschaft in gähnend langweiliger Weise an ein gähnend langweiliges Thema, der Spiegel veranstaltet zusammen mit dem populistischen deutschen Hetzblatt und dessen Chefredakteur eine würdelose Hetzjagd auf einen glücklosen und ungeschickten Bundespräsidenten. Man muss wohl bekennen: dieses Land kann keine Probleme haben, wenn es dieses Thema so lange ganz oben im öffentlichen Interesse hält. Oder ist es gar kein öffentliches Interesse, sondern nur das einer Teilgruppe der Gesellschaft, die einfach einen Aufreger braucht, an dem sie sich abreagieren kann? Ich habe das Interesse verloren und bekenne: ich lese keine Artikel über Christian Wulff mehr.
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Freitag, 1. April 2011
Die Nutzung der Kernenergie muss enden
Ich war nie ein Gegner der Kernenergie. In meinen Augen gehörte sie als eine von vielen Energiequellen zu einem Mix von mehreren risiko- und problembehafteten Methoden, um uns mit Strom zu versorgen. Kohlekraftwerke erzeugen CO2 und der Kohleabbau zerstört ganze Landschaften, Wasserkraft bedeutet meist Staudämme in ansonsten schönen Gegenden und ziemlichen Naturverbrauch (man blicke nur nach Assuan oder zum Jangtsekiang), Windräder sind in manchen deutschen Landstrichen so zahlreich wie Bäume geworden, sie kosten Nerven und werden hoch subventioniert, ebenso wie die Solarenergie die selbst auch ziemlichen Müll hinterlassen wird. Kernkraftwerke arbeiten meist im Stillen, unauffällig, sind recht selten und bedeuten einem daher eigentlich nicht viel. Es sei denn vielleicht, man wohnt neben einem und dann arbeitet man möglicherweise darin und hat schon deswegen wenig Bedenken gegen ihren Betrieb. Im Wesentlichen begegnete ich der Kernenergie also mit Gleichgültigkeit und Gelassenheit und kümmerte mich nicht sehr darum.
Die letzten Wochen haben meine Ansicht dazu geändert. Ich habe viele Beiträge in Zeitungen gelesen, mich auf Fachseiten über Kernkraftwerke, Endlagerung und bisherige große Unfälle informiert, vor allem die von Tchernobyl und Harrisburg, und mein Wissen um das Thema erweitert. Meine Erkenntnis ist einfach: die Kernspaltung ist von Menschen nicht ausreichend sicher beherrschbar. Wenngleich wir die Technologie der Kernspaltung selbst vielleicht in einem genügend sicheren Maß bereitstellen können, so gibt es drei große Problemfelder, die wir niemals - mit egal welcher Technologie - in den Griff bekommen werden:
a) Naturkatastrophen
Japan und Fukushima zeigen: keine Naturgewalt ist vorhersehbar, planbar oder im voraus abwehrbar und selbst wenn wir es könnten, reagieren wir doch einfach nicht richtig auf dieses Wissen. Im Falle Japans waren es planerische Unfähigkeit sowie eine Verquickung von Politik, Wirtschaft und Zuständigkeiten, die zum Resultat "Kernkraftwerk + Erdbebengebiet + direkt an der Küste + kein Tsunamischutz + ungenügende Sicherheitsmechanismen + Stromausfall geführt haben, obwohl all das problemlos vorhersehbar war. Das Resultat dieses Gedankens ist, dass Kernkraftwerke niemals sicher genug sind. Sie mögen zu 99,999% sicher sein, aber das restliche tausendstel Prozent zieht viel zu umfassende und schreckliche Schäden nach sich. Und es gibt kein Gebiet auf der Erde, dass nicht von irgendeiner Naturkatastrophe heimgesucht werden könnte - egal wie unwahrscheinlich diese ist.
b) Endlagerung
Schwerer als Naturkatastrophen wiegt die Endlagerung. Wir schaffen Probleme für die nächsten 1.000 Generationen unserer Nachkommen und das nur für ein bisschen Energie für drei bis fünf Generationen heute. Das ist - im rechten Licht betrachtet - nicht nur fahrlässig, es ist sogar in ein unheimlich bösartigen Weise irre egoistisch. Und zwar in einem Maße, das man es nicht mit einem Achselzucken abtun kann, sondern das es vor den Augen unserer Nachkommen zwangsläufig keine Vergebung finden wird können. Natürlich könnte es uns in der heute typisch hedonistischen Mainstream-Denkart doch egal sein, was kümmern uns die folgenden Generationen. Die Probleme, die wir heute verursachen, werden erst in Generationen richtig zum Vorschein kommen: dann, wenn Endlagerstätten umgepackt werden müssen, dann, wenn unser Atommüll verrottet und die Umwelt aus undichten Lagerstätten verseucht wird, dann, wenn der Atommüll Kriminellen in die Hände fällt, die damit Dinge anrichten können, an die wir heute gar nicht zu denken wagen. All das wird in 50, 100 oder auch erst 500 Jahren akut werden. Aber es wird unweigerlich GESCHEHEN und unsere Nachkommen werden uns dafür zu Recht verfluchen. Allein deshalb ist für mich der moralische Impetus daraus, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, NICHT gegen die Kernenergie zu sein, wie wir sie in unserer heutigen Zeit betreiben.
c) Menschliches Versagen
Menschliches Versagen ist nicht nur fehlerhaftes Bedienen, eine Nachlässigkeit im Betrieb oder Inkompetenz - was bspw. zum Unfall in Tchernobyl geführt hat - sondern es bedeutet auch mutwilliges Verschulden durch Sparzwänge, politische Entscheidungen, Korruption und fahrlässiges Handeln mit dem Zeitgeist. Versagt haben beispielsweise in Russland die politischen Entscheider, die derart schlecht gebaute Kernkraftwerke zugelassen haben und die ihren Betrieb in derselben dummen Weise organisierten, wie ihren gesamten Staat: mit politischen Druck und zu wenig Sachverstand. Das führte zur Katastrophe von Tchernobyl. In Japan war es wieder die Verquickung von Politik und Wirtschaft, die zu viel Risiko im Bau, bei der Wahl des Ortes und der nötigen Sicherheitsmaßnahmen einging und die ignorierte, wie sicher ein großes Erdbeben in der Region doch sein würde. In Deutschland gehen wir mit der Kernenergie nicht minder sorglos um, denn alte, abgeschaltete Kernkraftwerke mit immer noch vorhandenem, strahlendem Material sind leicht zugänglich und die laufenden Reaktoren selbst wiederum genügen - da sie allesamt Jahrzehnte alt sind - nicht den heutigen Anforderungen an Technik und Sicherheit. Wir leisten uns da eine Menge Unsicherheit.
Sicher ist jedoch immer: der Mensch wird versagen. Aus Absicht, aus Dummheit, aus Faulheit, aus Ignoranz - es ist gleichgültig, er wird auf jeden Fall versagen. Und Menschen müssen auch versagen dürfen, denn wir sind keine Zivilisation aus Robotern. Es sollte aber kein Mensch in zivilisierten Rechtsstaaten die Verantwortung übernehmen müssen, bei einem Fehler hunderte oder tausende von Menschen ins Unglück stürzen zu können oder in den Tod zu schicken. Auch das gehört zu einer ethisch verantwortungsvollen Gesellschaft - das so etwas nicht zum Kalkül eines Staates oder Unternehmens gehören darf. Denn ansonsten verspielt der Staat seine Legitimation: das Leben seiner Bürger zu schützen - soviel musste ich mir jetzt erst einmal bewusst machen.
Ich habe zu meinen Lebzeiten bereits zwei Super-Gaus erlebt. Von denen hieß es zu meiner Schulzeit immer, sie passierten einmal in tausend Jahren. Ich bin 33. Es ist - mit ein wenig Nachdenken - offensichtlich: wir erkaufen uns die Nutzung der Kernenergie mit zu großen Opfern. Nun ist das prinzipiell nichts neues. Denn kaum ein Fortschritt in der menschlichen Geschichte wird durch ungeteilte Zustimmung erzielt und es gibt dabei immer Sieger und Verlierer. Oft genug haben wir es auch nicht in der Hand, darüber zu entscheiden, ob wir die Folgen zulassen oder nicht. Im Fall der Kernenergie haben wir es jedoch in der Hand. Wir können ihre Nutzung beenden und zwar jederzeit. Das ist nur eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens. Mein Fazit ist: wir sollten ihre Nutzung beenden, sofort und weltweit.
Die letzten Wochen haben meine Ansicht dazu geändert. Ich habe viele Beiträge in Zeitungen gelesen, mich auf Fachseiten über Kernkraftwerke, Endlagerung und bisherige große Unfälle informiert, vor allem die von Tchernobyl und Harrisburg, und mein Wissen um das Thema erweitert. Meine Erkenntnis ist einfach: die Kernspaltung ist von Menschen nicht ausreichend sicher beherrschbar. Wenngleich wir die Technologie der Kernspaltung selbst vielleicht in einem genügend sicheren Maß bereitstellen können, so gibt es drei große Problemfelder, die wir niemals - mit egal welcher Technologie - in den Griff bekommen werden:
a) Naturkatastrophen
Japan und Fukushima zeigen: keine Naturgewalt ist vorhersehbar, planbar oder im voraus abwehrbar und selbst wenn wir es könnten, reagieren wir doch einfach nicht richtig auf dieses Wissen. Im Falle Japans waren es planerische Unfähigkeit sowie eine Verquickung von Politik, Wirtschaft und Zuständigkeiten, die zum Resultat "Kernkraftwerk + Erdbebengebiet + direkt an der Küste + kein Tsunamischutz + ungenügende Sicherheitsmechanismen + Stromausfall geführt haben, obwohl all das problemlos vorhersehbar war. Das Resultat dieses Gedankens ist, dass Kernkraftwerke niemals sicher genug sind. Sie mögen zu 99,999% sicher sein, aber das restliche tausendstel Prozent zieht viel zu umfassende und schreckliche Schäden nach sich. Und es gibt kein Gebiet auf der Erde, dass nicht von irgendeiner Naturkatastrophe heimgesucht werden könnte - egal wie unwahrscheinlich diese ist.
b) Endlagerung
Schwerer als Naturkatastrophen wiegt die Endlagerung. Wir schaffen Probleme für die nächsten 1.000 Generationen unserer Nachkommen und das nur für ein bisschen Energie für drei bis fünf Generationen heute. Das ist - im rechten Licht betrachtet - nicht nur fahrlässig, es ist sogar in ein unheimlich bösartigen Weise irre egoistisch. Und zwar in einem Maße, das man es nicht mit einem Achselzucken abtun kann, sondern das es vor den Augen unserer Nachkommen zwangsläufig keine Vergebung finden wird können. Natürlich könnte es uns in der heute typisch hedonistischen Mainstream-Denkart doch egal sein, was kümmern uns die folgenden Generationen. Die Probleme, die wir heute verursachen, werden erst in Generationen richtig zum Vorschein kommen: dann, wenn Endlagerstätten umgepackt werden müssen, dann, wenn unser Atommüll verrottet und die Umwelt aus undichten Lagerstätten verseucht wird, dann, wenn der Atommüll Kriminellen in die Hände fällt, die damit Dinge anrichten können, an die wir heute gar nicht zu denken wagen. All das wird in 50, 100 oder auch erst 500 Jahren akut werden. Aber es wird unweigerlich GESCHEHEN und unsere Nachkommen werden uns dafür zu Recht verfluchen. Allein deshalb ist für mich der moralische Impetus daraus, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, NICHT gegen die Kernenergie zu sein, wie wir sie in unserer heutigen Zeit betreiben.
c) Menschliches Versagen
Menschliches Versagen ist nicht nur fehlerhaftes Bedienen, eine Nachlässigkeit im Betrieb oder Inkompetenz - was bspw. zum Unfall in Tchernobyl geführt hat - sondern es bedeutet auch mutwilliges Verschulden durch Sparzwänge, politische Entscheidungen, Korruption und fahrlässiges Handeln mit dem Zeitgeist. Versagt haben beispielsweise in Russland die politischen Entscheider, die derart schlecht gebaute Kernkraftwerke zugelassen haben und die ihren Betrieb in derselben dummen Weise organisierten, wie ihren gesamten Staat: mit politischen Druck und zu wenig Sachverstand. Das führte zur Katastrophe von Tchernobyl. In Japan war es wieder die Verquickung von Politik und Wirtschaft, die zu viel Risiko im Bau, bei der Wahl des Ortes und der nötigen Sicherheitsmaßnahmen einging und die ignorierte, wie sicher ein großes Erdbeben in der Region doch sein würde. In Deutschland gehen wir mit der Kernenergie nicht minder sorglos um, denn alte, abgeschaltete Kernkraftwerke mit immer noch vorhandenem, strahlendem Material sind leicht zugänglich und die laufenden Reaktoren selbst wiederum genügen - da sie allesamt Jahrzehnte alt sind - nicht den heutigen Anforderungen an Technik und Sicherheit. Wir leisten uns da eine Menge Unsicherheit.
Sicher ist jedoch immer: der Mensch wird versagen. Aus Absicht, aus Dummheit, aus Faulheit, aus Ignoranz - es ist gleichgültig, er wird auf jeden Fall versagen. Und Menschen müssen auch versagen dürfen, denn wir sind keine Zivilisation aus Robotern. Es sollte aber kein Mensch in zivilisierten Rechtsstaaten die Verantwortung übernehmen müssen, bei einem Fehler hunderte oder tausende von Menschen ins Unglück stürzen zu können oder in den Tod zu schicken. Auch das gehört zu einer ethisch verantwortungsvollen Gesellschaft - das so etwas nicht zum Kalkül eines Staates oder Unternehmens gehören darf. Denn ansonsten verspielt der Staat seine Legitimation: das Leben seiner Bürger zu schützen - soviel musste ich mir jetzt erst einmal bewusst machen.
Ich habe zu meinen Lebzeiten bereits zwei Super-Gaus erlebt. Von denen hieß es zu meiner Schulzeit immer, sie passierten einmal in tausend Jahren. Ich bin 33. Es ist - mit ein wenig Nachdenken - offensichtlich: wir erkaufen uns die Nutzung der Kernenergie mit zu großen Opfern. Nun ist das prinzipiell nichts neues. Denn kaum ein Fortschritt in der menschlichen Geschichte wird durch ungeteilte Zustimmung erzielt und es gibt dabei immer Sieger und Verlierer. Oft genug haben wir es auch nicht in der Hand, darüber zu entscheiden, ob wir die Folgen zulassen oder nicht. Im Fall der Kernenergie haben wir es jedoch in der Hand. Wir können ihre Nutzung beenden und zwar jederzeit. Das ist nur eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens. Mein Fazit ist: wir sollten ihre Nutzung beenden, sofort und weltweit.
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Donnerstag, 9. September 2010
Zivildienst für Rentner
Seien wir doch ehrlich und spinnen ein wenig herum: wer würde es nicht begrüßen, wenn Rentner sinnvolle Arbeiten für die Gesellschaft verrichten würden, anstatt in ihrem Kleingarten herumzuhängen, sich um die Schnitthöhe des Grases in Nachbars Garten zu "kümmern" oder Zeitungsredaktionen mit Leserbriefen bombardieren und das Ordnungsamt mit Anrufen belästigen, weil auf dem Spielplatz die Kinder "viel zu laut" sind? Wer fände es nicht super, wenn Rentner, anstatt ihren Porsche spazieren zu fahren und Bundesstraßen zu verstopfen, sich bspw. um andere, hilfsbedürftige Rentner kümmern würden. Und wäre es nicht eine Spitzengeschichte, wenn sich Pensionäre bspw. um öffentliche Gärten oder Museen bemühen würden, anstatt ihre Pension auf Mallorca zu verprassen?
Richtig: die Rentner würden das nicht begrüßen! Betrüblich daran ist eigentlich, dass gerade in der Gruppe der über 50-jährigen die Zustimmung zur Beibehaltung des Zivildienstes am größten ist. Ganz offensichtlich hat hier eine Gruppe der Gesellschaft kein Problem, einer anderen Gruppe der Gesellschaft Arbeit aufzubürden - Hauptsache, sie sind nicht selbst davon betroffen. Nun, das wundert natürlich nicht, denn angesichts der generellen Verantwortungslosigkeit der älteren Generation gegenüber den nachkommenden (Stichworte Staatsverschuldung und Umweltverbrauch) ist das natürlich nur ein kleiner Fisch. Denn sei hier nachgehakt und nachgedacht.
Welche generelle Logik steckt eigentlich dahinter, junge Menschen in Form des Zivildienstes einen bestimmten Zeitraum ihres Lebens zwangsweise für einen Dienst heranzuziehen, den auch andere tun könnten? Früher war das mal als Ersatz für den Wehrdienst gedacht und bereits hier war es eigentlich ungerecht. Da die Wehrpflicht inzwischen so gut wie abgeschafft ist, fällt die Ursache des Zivildienstes natürlich weg. Schon seit langem klagen die Sozialverbände deswegen über den Verlust der billigen Arbeitskräfte (wenngleich sie sich natürlich ebenso lange auf die zivildienstlose Zeit einstellen). An dieser Stelle drängen sich zwei Fragen auf: mit welchem Recht wird eigentlich gerade jungen Menschen in dieser zeitkritischen Lebensphase, wo man zwischen Ausbildung und Beruf oder noch mehr Ausbildung steckt und jedes Jahr wichtig ist und zählt, ein solcher Knüppel zwischen die Beine geworfen? Und mit welchem Recht lehnen sich die Pensionäre, Privatiers und Rentner eigentlich mit 58, 60 oder 65 zurück und legen die Beine hoch?
Die Folgerung ist doch einfach: wenn wir als Gesellschaft bei den jungen Menschen ein halbes, ein oder sogar eineinhalb Jahre ihrer Lebenszeit in Anspruch nehmen, warum dann nicht auch mit denen, die wirklich reichlich Zeit haben, nämlich den Rentnern? Das Land verfügt mit ihnen über ein riesiges Arbeitskräftepotential an Menschen, die nach dem Eintritt in die Rente noch 15, 20 und 25 Jahre leben und - wohlwollend betrachtet - nicht wirklich was zu tun haben. Sie sind überwiegend geistig agil, körperlich gesund und können Segeln, Golfen, Radfahren, Reisen, Shoppen und so weiter. Mit 66 ist heute keiner mehr am Ende seines Lebens. Und im Gegensatz zu jungen Menschen, die heute einen Ausbildungsmarathon durchlaufen müssen, bevor man sie dann freundlicherweise in Form von Praktika in die Berufswelt eintreten lässt und denen daher jedes Jahr kostbar sein muss, haben Rentner eigentlich nur noch die Perspektive "was fange ich mit denn jetzt mit dem Rest meines Lebens an?" Wenn für junge Menschen das Argument gilt, dass der Dienst an der Gesellschaft den Charakter formen möge, dann gilt das für Rentner genauso. Logischer wäre es jedoch, das nicht junge Menschen ein Jahr Lebenszeit opfern dürfen, sondern eben alte. Wenn junge Menschen vom Staat zu etwas gezwungen werden dürfen, warum nicht die Pensionäre? Welche zwingende Begründung gibt es für die jetzige Verfahrensweise?
Und so, wie sich die Wehrpflichtigen einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen, können das die Rentner ja auch. Wer fit ist, wird ein Jahr lang Dienst an der Gesellschaft leisten dürfen.. Dank ihrer lebenslangen Erfahrung ist das gleich doppelt gut: wir bekommen jede Menge nach eigener Lesart hoch qualifizierte Arbeitskräfte in den Dienst am Land, die gleichzeitig ihre ganze, ein Leben lang gesammelte Erfahrung und Weisheit einbringen und vor allem weitergeben dürfen. Ehemalige Ärzte und Köche dürfen in Behindertenwerkstätten arbeiten, Ingenieure, Maurer und Handwerker bei gemeinnützigen Bauprojekten Leitung übernehmen, Politiker und Werber können Vereinen beim Spendensammeln und Organisieren unter die Arme greifen und so weiter. Und wer könnte nicht mit einem freundlichen Lächeln die Ironie begrüßen, wenn die Kleingartenblockwarte unseres Alltages im Stadtpark Blumen pflanzen, Bäume hegen und Beete pflegen dürfen. Ich finde, dass das eine prächtige Idee ist. Und moralisch wäre sie auch. Aber wollen wir wetten, dass die Rentner davon gar nicht viel halten? Denn die Lasten ihres Lebensstils haben sie ja schon seither und zeitlebens bequem anderen aufgebürdet - warum etwas davon zurückgeben?
Richtig: die Rentner würden das nicht begrüßen! Betrüblich daran ist eigentlich, dass gerade in der Gruppe der über 50-jährigen die Zustimmung zur Beibehaltung des Zivildienstes am größten ist. Ganz offensichtlich hat hier eine Gruppe der Gesellschaft kein Problem, einer anderen Gruppe der Gesellschaft Arbeit aufzubürden - Hauptsache, sie sind nicht selbst davon betroffen. Nun, das wundert natürlich nicht, denn angesichts der generellen Verantwortungslosigkeit der älteren Generation gegenüber den nachkommenden (Stichworte Staatsverschuldung und Umweltverbrauch) ist das natürlich nur ein kleiner Fisch. Denn sei hier nachgehakt und nachgedacht.
Welche generelle Logik steckt eigentlich dahinter, junge Menschen in Form des Zivildienstes einen bestimmten Zeitraum ihres Lebens zwangsweise für einen Dienst heranzuziehen, den auch andere tun könnten? Früher war das mal als Ersatz für den Wehrdienst gedacht und bereits hier war es eigentlich ungerecht. Da die Wehrpflicht inzwischen so gut wie abgeschafft ist, fällt die Ursache des Zivildienstes natürlich weg. Schon seit langem klagen die Sozialverbände deswegen über den Verlust der billigen Arbeitskräfte (wenngleich sie sich natürlich ebenso lange auf die zivildienstlose Zeit einstellen). An dieser Stelle drängen sich zwei Fragen auf: mit welchem Recht wird eigentlich gerade jungen Menschen in dieser zeitkritischen Lebensphase, wo man zwischen Ausbildung und Beruf oder noch mehr Ausbildung steckt und jedes Jahr wichtig ist und zählt, ein solcher Knüppel zwischen die Beine geworfen? Und mit welchem Recht lehnen sich die Pensionäre, Privatiers und Rentner eigentlich mit 58, 60 oder 65 zurück und legen die Beine hoch?
Die Folgerung ist doch einfach: wenn wir als Gesellschaft bei den jungen Menschen ein halbes, ein oder sogar eineinhalb Jahre ihrer Lebenszeit in Anspruch nehmen, warum dann nicht auch mit denen, die wirklich reichlich Zeit haben, nämlich den Rentnern? Das Land verfügt mit ihnen über ein riesiges Arbeitskräftepotential an Menschen, die nach dem Eintritt in die Rente noch 15, 20 und 25 Jahre leben und - wohlwollend betrachtet - nicht wirklich was zu tun haben. Sie sind überwiegend geistig agil, körperlich gesund und können Segeln, Golfen, Radfahren, Reisen, Shoppen und so weiter. Mit 66 ist heute keiner mehr am Ende seines Lebens. Und im Gegensatz zu jungen Menschen, die heute einen Ausbildungsmarathon durchlaufen müssen, bevor man sie dann freundlicherweise in Form von Praktika in die Berufswelt eintreten lässt und denen daher jedes Jahr kostbar sein muss, haben Rentner eigentlich nur noch die Perspektive "was fange ich mit denn jetzt mit dem Rest meines Lebens an?" Wenn für junge Menschen das Argument gilt, dass der Dienst an der Gesellschaft den Charakter formen möge, dann gilt das für Rentner genauso. Logischer wäre es jedoch, das nicht junge Menschen ein Jahr Lebenszeit opfern dürfen, sondern eben alte. Wenn junge Menschen vom Staat zu etwas gezwungen werden dürfen, warum nicht die Pensionäre? Welche zwingende Begründung gibt es für die jetzige Verfahrensweise?
Und so, wie sich die Wehrpflichtigen einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen, können das die Rentner ja auch. Wer fit ist, wird ein Jahr lang Dienst an der Gesellschaft leisten dürfen.. Dank ihrer lebenslangen Erfahrung ist das gleich doppelt gut: wir bekommen jede Menge nach eigener Lesart hoch qualifizierte Arbeitskräfte in den Dienst am Land, die gleichzeitig ihre ganze, ein Leben lang gesammelte Erfahrung und Weisheit einbringen und vor allem weitergeben dürfen. Ehemalige Ärzte und Köche dürfen in Behindertenwerkstätten arbeiten, Ingenieure, Maurer und Handwerker bei gemeinnützigen Bauprojekten Leitung übernehmen, Politiker und Werber können Vereinen beim Spendensammeln und Organisieren unter die Arme greifen und so weiter. Und wer könnte nicht mit einem freundlichen Lächeln die Ironie begrüßen, wenn die Kleingartenblockwarte unseres Alltages im Stadtpark Blumen pflanzen, Bäume hegen und Beete pflegen dürfen. Ich finde, dass das eine prächtige Idee ist. Und moralisch wäre sie auch. Aber wollen wir wetten, dass die Rentner davon gar nicht viel halten? Denn die Lasten ihres Lebensstils haben sie ja schon seither und zeitlebens bequem anderen aufgebürdet - warum etwas davon zurückgeben?
Samstag, 24. April 2010
inkonsistent moralisch?
Hallo,
Ich habe eben den Beitrag von Chris gelesen Verantwortung.org: Den Balken im Auge haben und irgendwie hab ich mich beim Lesen nicht besonders wohl gefühlt. Hier schreibe ich kurz auf, weshalb.
Das Autofahrerargument habe ich schon von vielen gehört. Trotzdem sitze ich dann bei ihnen im Auto und frage mich, wieso gerade sie dann rechts überholen dürfen, während die anderen ja moralisch verwerfliches tun, wenn sie zu schnell fahren.Wenn ich den Text von Chris lese, kommt in mir ein komisches Gefühl auf, weil der Text letztlich von jemandem geschrieben wurde, der nicht unbedingt besser ist. Allerdings muss ich dann fragen: Wer dürfte denn diesen Text überhaupt schreiben? Diese Forderung nach moralischer Konsistenz klingt oberlehrerhaft, arrogant, von oben herab, eingebildet. Trotzdem habe ich selber schon so oft genau so gedacht und ich behaupte jetzt einfach mal frei heraus, dass das vielen anderen ähnlich geht. - Wo ist also das Problem in diesem Text? Was führt zu meiner Abneigung, obwohl ich inhaltlich intuitiv zu einem großen Teil zustimme?
Konsistent in wessen Welt?
Ich schätze, dass das moralische Orientieren an sich selbst ein wichtiges Problem ist, denn es ignoriert, dass jeder verschiedene moralische Ansprüche hat. Es ist eher unwahrscheinlich, dass mein Handeln in der Welt anderer moralisch konsistent ist, obwohl es in meiner Welt perfekt Sinn ergibt. Es geht hier noch nicht einaml darum, ob meine Entscheidungen oder Handlungen in den Einzelsituationen moralisch sind oder nicht. Denk mal drüber nach, wie viele Menschen du kennst, bei denen du sagen würdest, dass sie moralisch konsistent sind und wie konsistent du dich selber hältst! - Ich kenne kaum jemanden, den ich moralisch konsistenter finde als mich (spontan fällt mir niemand ein). Das ist allerdings für mich kein Zeichen meiner moralischen Überlegenheit, sondern eher ein Zeichen dafür, dass es viel einfacher ist konsistent zu meiner eigenen Weltsicht zu sein als zu der eines anderen. Sicher bin ich für Chris nicht die moralisch konsistenteste Person und wahrscheinlich auch für kaum einen anderen.
Dieses Problem führt dazu, dass es förmlich trivial ist, moralische Inkonsistenzen bei anderen festzustellen, wenn man intuitiv, also mit der eigenen Weltsicht ran geht.
Der Wert der Konsistenz
Ein weiterer Aspekt ist die persönliche Wertigkeit von moralischer Konsistenz. Chris und ich sind beide Menschen, die sehr viel Wert auf ein schlüssiges moralsiches Verhalten legen. Wir messen uns an unseren eigenen moralischen Vorstellungen und gleichen fast jede Entscheidung mit unserem Wertebild ab. Allerdings sind nicht alle Menschen so. Was ist mit Menschen, die sich und ihre Umwelt nicht in dem Maße reflektieren, wie wir das tun (völlig unabhängig davon, was dafür die Gründe sein mögen)? Diese Menschen stellen moralische Inkonsistenzen möglicher Weise gar nicht erst fest, was dazu führt, dass sie der Forderung im Fazit aus Chris Artikel vielleicht einmal durch Zufall nachkommen, aber nicht bewusst. - Ist dieses Fazit also wirklich irgeneine allgemeine Wahrheit oder ist es vielleicht doch eher eine Wahrheit in der speziellen Welt des Autors und hätte eher so formuliert werden müssen? "ICH kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die ICH selbst nicht einhalte!"
Gerade bei Unvermögen wird die Forderung schnell problematisch. Wie weit ist das Fazit - "man kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die man selbst nicht einhält" - von dieser Aussage entfernt? "man darf von niemandem Schutz fordern, wenn man selbst niemanden beschützt!" - Ist schlussendlich diese implizite Forderung nach moralischer Konsistenz selbst unmoralsich? - Das wohl eher nicht. Allerdings führt das Problem dazu, dass die Forderung schnell in Ignoranz endet, weil sie die Augen nicht wirklich auf das Gegenüber richtet.
Kontext der Konsistenz
Wenn ich also näher drüber nachdenke, finde ich es letztlich völlig legitim von anderen Dinge zu fordern, die ich nicht selbst erbringe oder erbringen kann. Es ist in meinen Augen dann legitim, wenn der andere diese Verantwortung dafür freiwillig angenommen hat, was mich noch zu einer weiteren Betrachtung führt:Wer also z.B. ein Amt antritt, in dem moralische Konsistenz implizit eine große Rolle spielt (z.B. Lehrer), muss in diesem Kontext auch der Moral die er vertritt entsprechen, weil er diese Verantwortung freiwillig auf sich genommen hat. Ein Lehrer kann eben nicht vor den Schülern kiffen, und Drogenfreiheit predigen. (Auch hier geht es nur um konsistenz, nicht um echte Inhalte.) Es ist also auch sehr vom Kontext abhängig, ob die moralische Konsistenz relevant ist oder nicht.
Fazit!
Ich habe nun drei Punkte benannt, die der Wahrheit in der Forderung und dem Konzept von moralischer Konsistenz nach Chris Formulierung entgegenstehen.
1. Es kann nur eine Konsistenz des Menschen in sich geben, die von außen schwer zu messen ist.
2. Moralische Konsistenz macht nur bei Menschen Sinn, denen sie auch wichtig/möglich ist.
3. Ich finde, moralische Konsistenz sollte nur in einem freiwilligen Verantwortungskontext gefordert werden.
Insgesamt hat das Fazit, die Wahrheit aus Chris Beitrag nur einen sehr engen und dazu noch problematischen Wirkungsbereich. Man muss sich also mit dem Bewerteten auf einen klaren Betrachtungskontext einigen, wenn man wirklich fair und belastbar über die Umsetzung seiner Moral reden möchte.
Bspw. kann man einen Politiker natürlich an seinen Aussagen (Wahlversprechen) messen, da diese Aussagen quasi eine implizite Einigung zur Nutzung als Bewertungsgrundlage darstellen. Allerdings ist es dabei wichtig, dass ich mich an dieser Stelle von meinen eigenen möglichen Interpretationen seiner Aussagen distanziere. Zumindest, wenn ich ihn über eine eventuelle Inkonsistenz überführen möchte. Das hat selbstverständlich nichts mit meiner inhaltlichen Meinung zu seinen Aussagen zu tun, die unabhängig davon ja ihr Gewicht nicht verliert.
Die zu starke Verallgemeinerung führt demnach also unweigerlich zu einer moralisch schwierigen Argumentation. Mein unbehagen kommt also daher, weil ich die einzelnen Beispiele von Chris in den meisten Fällen durchaus unterstreichen konnte, da sie jedes für sich einen recht klar messbaren Kontext hatten. Die mit den Beispielen unterlegte Verallgemeinerung allerdings kann kaum vermeiden, den Eindruck von Überheblichkeit zu vermitteln.
Ich danke vielmals fürs Lesen und freu mich auf Kommentare ;)
Dave
Klarstellung
Nur damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Ich möchte mit diesem Artikel nicht ausdrücken, dass ich es falsch fände moralisch konsistent zu sein. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man ein sehr reflektierter Mensch ist oder es eben die Aufgabe oder der Verantwortungsbereich - allgemein der Kontext - gebietet.
Ich habe eben den Beitrag von Chris gelesen Verantwortung.org: Den Balken im Auge haben und irgendwie hab ich mich beim Lesen nicht besonders wohl gefühlt. Hier schreibe ich kurz auf, weshalb.
Das Autofahrerargument habe ich schon von vielen gehört. Trotzdem sitze ich dann bei ihnen im Auto und frage mich, wieso gerade sie dann rechts überholen dürfen, während die anderen ja moralisch verwerfliches tun, wenn sie zu schnell fahren.Wenn ich den Text von Chris lese, kommt in mir ein komisches Gefühl auf, weil der Text letztlich von jemandem geschrieben wurde, der nicht unbedingt besser ist. Allerdings muss ich dann fragen: Wer dürfte denn diesen Text überhaupt schreiben? Diese Forderung nach moralischer Konsistenz klingt oberlehrerhaft, arrogant, von oben herab, eingebildet. Trotzdem habe ich selber schon so oft genau so gedacht und ich behaupte jetzt einfach mal frei heraus, dass das vielen anderen ähnlich geht. - Wo ist also das Problem in diesem Text? Was führt zu meiner Abneigung, obwohl ich inhaltlich intuitiv zu einem großen Teil zustimme?
Konsistent in wessen Welt?
Ich schätze, dass das moralische Orientieren an sich selbst ein wichtiges Problem ist, denn es ignoriert, dass jeder verschiedene moralische Ansprüche hat. Es ist eher unwahrscheinlich, dass mein Handeln in der Welt anderer moralisch konsistent ist, obwohl es in meiner Welt perfekt Sinn ergibt. Es geht hier noch nicht einaml darum, ob meine Entscheidungen oder Handlungen in den Einzelsituationen moralisch sind oder nicht. Denk mal drüber nach, wie viele Menschen du kennst, bei denen du sagen würdest, dass sie moralisch konsistent sind und wie konsistent du dich selber hältst! - Ich kenne kaum jemanden, den ich moralisch konsistenter finde als mich (spontan fällt mir niemand ein). Das ist allerdings für mich kein Zeichen meiner moralischen Überlegenheit, sondern eher ein Zeichen dafür, dass es viel einfacher ist konsistent zu meiner eigenen Weltsicht zu sein als zu der eines anderen. Sicher bin ich für Chris nicht die moralisch konsistenteste Person und wahrscheinlich auch für kaum einen anderen.
Dieses Problem führt dazu, dass es förmlich trivial ist, moralische Inkonsistenzen bei anderen festzustellen, wenn man intuitiv, also mit der eigenen Weltsicht ran geht.
Der Wert der Konsistenz
Ein weiterer Aspekt ist die persönliche Wertigkeit von moralischer Konsistenz. Chris und ich sind beide Menschen, die sehr viel Wert auf ein schlüssiges moralsiches Verhalten legen. Wir messen uns an unseren eigenen moralischen Vorstellungen und gleichen fast jede Entscheidung mit unserem Wertebild ab. Allerdings sind nicht alle Menschen so. Was ist mit Menschen, die sich und ihre Umwelt nicht in dem Maße reflektieren, wie wir das tun (völlig unabhängig davon, was dafür die Gründe sein mögen)? Diese Menschen stellen moralische Inkonsistenzen möglicher Weise gar nicht erst fest, was dazu führt, dass sie der Forderung im Fazit aus Chris Artikel vielleicht einmal durch Zufall nachkommen, aber nicht bewusst. - Ist dieses Fazit also wirklich irgeneine allgemeine Wahrheit oder ist es vielleicht doch eher eine Wahrheit in der speziellen Welt des Autors und hätte eher so formuliert werden müssen? "ICH kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die ICH selbst nicht einhalte!"
Gerade bei Unvermögen wird die Forderung schnell problematisch. Wie weit ist das Fazit - "man kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die man selbst nicht einhält" - von dieser Aussage entfernt? "man darf von niemandem Schutz fordern, wenn man selbst niemanden beschützt!" - Ist schlussendlich diese implizite Forderung nach moralischer Konsistenz selbst unmoralsich? - Das wohl eher nicht. Allerdings führt das Problem dazu, dass die Forderung schnell in Ignoranz endet, weil sie die Augen nicht wirklich auf das Gegenüber richtet.
Kontext der Konsistenz
Wenn ich also näher drüber nachdenke, finde ich es letztlich völlig legitim von anderen Dinge zu fordern, die ich nicht selbst erbringe oder erbringen kann. Es ist in meinen Augen dann legitim, wenn der andere diese Verantwortung dafür freiwillig angenommen hat, was mich noch zu einer weiteren Betrachtung führt:Wer also z.B. ein Amt antritt, in dem moralische Konsistenz implizit eine große Rolle spielt (z.B. Lehrer), muss in diesem Kontext auch der Moral die er vertritt entsprechen, weil er diese Verantwortung freiwillig auf sich genommen hat. Ein Lehrer kann eben nicht vor den Schülern kiffen, und Drogenfreiheit predigen. (Auch hier geht es nur um konsistenz, nicht um echte Inhalte.) Es ist also auch sehr vom Kontext abhängig, ob die moralische Konsistenz relevant ist oder nicht.
Fazit!
Ich habe nun drei Punkte benannt, die der Wahrheit in der Forderung und dem Konzept von moralischer Konsistenz nach Chris Formulierung entgegenstehen.
1. Es kann nur eine Konsistenz des Menschen in sich geben, die von außen schwer zu messen ist.
2. Moralische Konsistenz macht nur bei Menschen Sinn, denen sie auch wichtig/möglich ist.
3. Ich finde, moralische Konsistenz sollte nur in einem freiwilligen Verantwortungskontext gefordert werden.
Insgesamt hat das Fazit, die Wahrheit aus Chris Beitrag nur einen sehr engen und dazu noch problematischen Wirkungsbereich. Man muss sich also mit dem Bewerteten auf einen klaren Betrachtungskontext einigen, wenn man wirklich fair und belastbar über die Umsetzung seiner Moral reden möchte.
Bspw. kann man einen Politiker natürlich an seinen Aussagen (Wahlversprechen) messen, da diese Aussagen quasi eine implizite Einigung zur Nutzung als Bewertungsgrundlage darstellen. Allerdings ist es dabei wichtig, dass ich mich an dieser Stelle von meinen eigenen möglichen Interpretationen seiner Aussagen distanziere. Zumindest, wenn ich ihn über eine eventuelle Inkonsistenz überführen möchte. Das hat selbstverständlich nichts mit meiner inhaltlichen Meinung zu seinen Aussagen zu tun, die unabhängig davon ja ihr Gewicht nicht verliert.
Die zu starke Verallgemeinerung führt demnach also unweigerlich zu einer moralisch schwierigen Argumentation. Mein unbehagen kommt also daher, weil ich die einzelnen Beispiele von Chris in den meisten Fällen durchaus unterstreichen konnte, da sie jedes für sich einen recht klar messbaren Kontext hatten. Die mit den Beispielen unterlegte Verallgemeinerung allerdings kann kaum vermeiden, den Eindruck von Überheblichkeit zu vermitteln.
Ich danke vielmals fürs Lesen und freu mich auf Kommentare ;)
Dave
Klarstellung
Nur damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Ich möchte mit diesem Artikel nicht ausdrücken, dass ich es falsch fände moralisch konsistent zu sein. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man ein sehr reflektierter Mensch ist oder es eben die Aufgabe oder der Verantwortungsbereich - allgemein der Kontext - gebietet.
Den Balken im Auge haben
Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht.So klug war man schon vor 2000 Jahren. Und seither hat sich der Mensch in manchem nicht so sehr geändert. Denn ein Lieblingssport unserer Mitmenschen ist nach wie vor die Anklage des anderen. Wir fühlen uns immer noch schnell bemüßigt, dieses und jenes anzuklagen, wo wir Ungerechtigkeit, Mißwirtschaft oder Korruption wittern.
Interessant ist, dass dieses Anklagen eigentlich immer nur eine Richtung geht: von unten nach oben. Es sieht ein wenig nach Arbeitsteilung aus: von oben kommen Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, wie das Gemeinschaftsleben zu organisieren ist. Von unten kommt strenge Kritik, wie sich alle anderen, aber vor allem "die da oben" daran zu halten hätten.
Womit der deutsche Durchschnittsbürger jeglicher Couleur dagegen nicht konfrontiert werden will, ist die eigene moralische Unzulänglichkeit - oder auch Unfähigkeit. Denn dort machen Eltern machen immer alles richtig, die Schule immer alles falsch, insbesondere wenn es um den eigenen, doch so begabten Sprößling geht. Autofahrer, die mit 180 km/h in der 100er-Zone fahren, haben immer einen verdammt guten Grund dafür und sind ohnehin begnadete Fahrer, weswegen diese Regeln ja für sie eigentlich doch nicht so recht gelten. Die kontrollierenden Verkehrspolizisten sind dagegen eher bewaffnete Raubritter. Der Handwerker hinterzieht selbstverständlich bei Einkommensteuererklärung und arbeitet 40% seiner Zeit schwarz, weil der Staat einen ja ohnehin auspresst. Wenn dann jedoch die Sozialleisten angetastet werden sollen, ist das quasi wie ein Attentat auf jeden einzelnen Leistungsempfänger. Natürlich ist es für die modebewusste Sandy völlig ok, ihre schicken Klamotten beim Billigdiscounter zu kaufen, obwohl sie weiß, dass die Kleidung von Kindern in Bangladesh in 12-Stunden-Arbeitstagen zu Löhnen hergestellt werden, die einfach auf Ausbeutung beruhen. Das bringt sie aber problemlos mit ihrem energischen Eintreten für mehr Gerechtigkeit im Welthandel bei Attac in Einklang. Und natürlich moralisiert sie mit ihren Freunden beim Abendessen darüber, dass sich die Unternehmer die Taschen vollstopfen und ihre Arbeitnehmer nicht ordentlich bezahlen.
Das Maß an kognitiver Dissonanz, welches viele Menschen bereit sind an den Tag zu legen, ist erstaunlich. Das Auseinanderklaffen zwischen individueller Lebensart und dem Anspruch an die kollektive Lebensordnung ist teilweise enorm. Besonders die politische Linke hat seit jeher probemlos mit der moralischen Keule argumentiert, aber persönlich nicht unbedingt nach den Maßstäben gelebt, die sie an andere gestellt hat. Die Frechheit, mit der Teile der Gesellschaft persönlich Regeln brechen, deren Einhalten sie von anderen Gesellschaftsteilen, insbesondere den politisch Tätigen einfordert, kann einen eigentlich nur betroffen, manchmal aber auch wütend machen.
Denn selbstverständlich ist es nicht recht und billig, von anderen einzufordern, was man selbst nicht umsetzt. Auch nicht von Politikern. Jeder Bürger kann nur das fordern, was er selbst ebenso umsetzt. Es ist dreist, von Trägern öffentlicher Ämter höhere Maßstäbe an die persönliche (und auch berufliche) Lebensführung zu fordern, als von sich selbst. Und wie sollte das auch gehen, sind doch alle politischen Kräfte auch nur Teil der Gesellschaft, Bürger wie alle anderen.
Das Fazit ist: man kann nicht von anderen fordern, Maßstäbe einzuhalten, die man selbst nicht einhält. So einfach kann Wahrheit sein.
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